Machtwort

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Inhaltsverzeichnis

Die Fragen des Machtwerk

Es kam aber so, dass sich die Menschen nach den Himmeln ausstreckten, doch keine Hilfe fanden. Und sie konnten sich nicht an das Gesicht ihres Schöpfers erinnern. Da rief einst Machtwerk, der Fürst von Dämmerfels nach seinen Beratern und Weisen, und siehe da, alle erschienen vor ihm. Er erfragte sie nach der Herkunft der Lebewesen, nach der Ordnung von Tag und Nacht, nach den Wegen der Winden und nach den Sprachen der Völker und dem Sinn des Seins. Doch keiner von ihnen konnte es mit Gewissheit sagen. Sie erfragten die Sterne, die Karten und die Flammen, doch konnten sie den Sinn nicht erahnen. Zu dieser Zeit aber wurde im Palast einiges Handwerk verrichtet und einer der Bildhauer hörte die Klage des Herrschers und da trat er vorsichtig vor und sprach: „verzeiht, hocherhabener Fürst Machtwerk, Herrscher über den Dämmerfels, das Sanddünenmeer und die Gipfel des Steingerippengebirges, verzeiht ihr verständigen Berater des Fürsten.“ „Wer ist er, dass er unsere Rede unterbreche? So sprich, oder der Henker wird ihm beim Morgengrauen den Kopf abschlagen.“ Der Handwerker aber sprach: „Ich bin Sohn des Handwerkers, der euch schon vor mir gedient hat. Ich habe eure Rede gehört und in meinem Herzen gedacht: Lasst uns Götter erschaffen, die uns alles beantworten, was wir auch erfragen.“ „Und wie soll ein Bild aus Stein eine Frage uns beantworten?“ lachte der Fürst. Doch einer der Berater war nachdenklich geworden, und sprach: „Ich habe einst davon gehört, dass das was Stein ist, lebendig wurde. Doch bin ich mir nicht um die Gefahr sicher. So höret aber die Geschichte und urteilt selbst:

Der Herrscher von Fernort und der Golem

Es kam so, dass der Herrscher von Fernort der Kämpfe müde war. Er versank in sich selbst und liess niemanden mehr zu sich kommen. Selbst die Sklaven und Diener schickte er stets aus seiner Nähe. Und man servierte ihm das Essen so, dass er dabei niemand ansehen musste. Als er aber eines Tages in den Spiegel schaute, erinnerte er sich an die Geschichte der Entstehung der Welt, und wie sich der Schöpfer der Welt nach einem Gegenüber sehnte. Da liess er Unmengen an formbaren Lehm in seine Werkstätte bringen. Dann zog er sich dorthin zurück und wurde viele Tage nicht mehr gesehen. Dann aber trat er wieder ans Tageslicht. Er suchte die Tempel auf, verliess sie aber wieder enttäuscht. Dann wurde er in den dunklen Gassen der Stadt gesehen, wo er sich mit Beschwörern herumtrieb, und später suchte er auch den Ordern der Mystiker auf.
Doch als sich die Diener Sorgen um ihn machten und in der Werkstatt nach ihm sehen wollten, fanden sie ihn nicht, sonder nur die Lehmstatue, welche zum Leben erwacht, alles im Raum zertrümmert hatte. Die Palastwache eilte herbei, doch selbst mit sechs Mann konnten sie es nicht mit dem Lehmmensch aufnehmen, und so verriegelten sie die Türe zur Werkstatt.
Der Herrscher aber war vor dem Monster durch einen kleinen Gang in der Wand geflohen und irrte lange Zeit in den unterirdischen Tunnel herum, bis er endlich einen Weg an die Oberfläche fand. Es war bereits Nacht geworden und da kein Stern am Himmel stand tappte er im Dunkeln vorwärts. Als es sich so vorwärts tastete spürte er kalten Stein. Und je heller es wurde und er die Formen und Schatten sah, welche sich um ihn rangen, so wuchs auch seine Angst. Er irrte umher, bis er müde zusammen brach.
Am Morgen wurde er von einem alten Mann geweckt. Er hatte den Herrscher am Boden inmitten der Statuen gefunden. Er war der Steinbildhauer. Beim Essen erzählte der Herrscher dem Bildhauer von seinem misslungenen Werk. Nachdenklich hörte der alte Mann zu. Dann rief er seinen Sohn und trug ihm auf, den Herrscher durch den Tunnel hindurch zurück in den Palast zu begleiten. Dieser gehorchte, und kletterte in die Tunnel. Kaum waren sie im Palast, packte der junge Mann einen langen, spitzen Stein und durchbohrte schnell und geschickt das Herz des Lehmgeschöpfs. Dieses zerfiel in tausende Brocken. Der Herrscher aber fragte verwundert: „Wie konntest du ihn denn so leicht töten?“ Der Sohn des Bildhauers Antwortete: „Mein Vater hatte schon mache Kreatur aus Lehm geformt, damit kenne ich mich aus, und ich habe gegen manch Übel gekämpft, auch damit kenne ich mich aus.“ Er verabschiedete sich und kletterte wieder durch den Gang zurück. Der Herrscher aber klopfte an die Tür, damit man ihm öffnen möge. Die Dienerschaft aber war hoch erfreut über seine Rückkehr, und das zerstörte Ungetüm.
Es vergingen einige Tag, an denen der Herrscher über das Geschehene nachdachte. Wen er auch nach dem Bildhauer fragte, niemand schien ihn zu kennen. Doch dann kündigten ihm seine Diener einen Besuch an. Es war aber eine Frau, so schön wie er sie sich selbst im Traum nicht vorstellen hätte können. Und sogleich verliebten sie sich, denn sie waren geschaffen füreinander. Sie waren gemeinsam bis ans Lebensende und die Trauer war aus dem Leben des Herrschers gewichen.
Und erst als er im Sterben lag, erkannte er, dass er und seine Frau das Werk des Bildhauers waren.

Die Erschaffung von Reinherz

Als der Berater aber die Geschichte zu Ende geredet hatte, waren alle in Erstaunen geraten. Der Fürst Machtwerk schaute den Handwerker an und fragte: „Bist du gewillt, uns mithilfe der hier anwesenden Weisen einen Gott aus Stein zu erschaffen?“ Und so kam es, dass der Handwerker noch am selben Tage in seiner Werkstätte mit der Arbeit begann. Tag und Nacht war er dabei, Erze zu schmelzen. Denn die Weisen standen ihm im Rate zur Seite und wiesen ihm an, aus welchem Stoff er die Gottheit erschaffen soll. Sie aber entdeckten beim Studium der Elemente das Gestein Klarerz. Klarerz ist eine der Töchter Wandelerds, der Erde selbst, auf dessen Rücken wir leben. Doch Klarerz war nicht einfach zu finden, und noch weniger einfach zu bearbeiten. Dennoch wählten sie dieses Gestein aus, da es das reinste aller Elemente ist, wenn es denn geläutert im Feuer wird. Der Handwerker aber läuterte den Stoff so stark, dass die geschmiedete Gottheit unsichtbar war. Die Weisen aber gaben ihr den Namen Reinherz, und da der Handwerker sie in weiblicher Gestallt erschaffen hatte, wurde sie zur Göttin der Wahrheit, denn von ihr erhofften sie die Wahrheit zu erkennen. Als der Herrscher nach getaner Arbeit den Handwerker aufsuchte, war er erfreut über die Fertigstellung, so sehr hatten die Fragen in seinem Herzen gebrannt, dass er endlich die Antworten vernehmen wollte. Als die Wächter den Vorhang vor Reinherz wegnahmen und der Sultan nur den leeren Raum vor sich fand, erzürnte er. Da er dachte, der Handwerker hätte ihn betrogen, liess er ihn in Ketten legen und vom Tageslicht wegsperren. Und deshalb erzählt man sich auch heute noch, dass es Reinherz nie gegeben hat, und andere erzählen, dass sie in jeder Stunde hinaustrat und seither die Welten durchwandert, um dann, am Ende der Zeit zurückzukehren und als Göttin angebetet zu werden, denn erst dann würden die Menschen sie verstehen und sie erkennen.

Die Weisen und Berater, welche bei der Verhaftung alle schwiegen, wurden in jener Nacht mit Schuldgefühlen geplagt, so dass sie am nächsten Morgen alle vor den Machtwerk, dem Fürsten traten, um ihn zu besänftigen. Doch der Fürst war immer noch erzürnt. Und sie wussten, dass es nicht einfach war, ihn zur Gnade zu bringen. Sie sprachen von der Unschuld des Handwerkers, bis er dies erkannte, und dennoch war er zu fest gekränkt, so dass er keine Gnade walten lassen konnte. Und er sprach: „Sei es, dass ich falsch geurteilt habe, doch der Schmerz der Enttäuschung ist zu stark in mir, als dass ich ihm Gnade gewähren kann.“ Einer der Weisen aber trat herbei und sprach: „Oh Hocherhabener Fürst über den Dämmerfels, über das Sanddünenmeer und die Gipfel des Steingerippengebirges. Gewiss hat der Handwerker unverständlich Ding getan, und doch seht ab von eurem Zorn, denn sonst wird er euch zum Bösen hin verwandeln. Wie es der Zauberin und dem Löwen erging.“ Der Herrscher aber kannte die Geschichte nicht, da erzählte ihm der Weise die Geschichte:

Die Zauberin und der Löwe

Es war einmal ein Heiler im Lande Fernort, der führte einen Orden, und so sammelte er sich allerlei Gefolge zusammen. Unter ihnen waren auch ein Mädchen und ein Löwe. Der Vater des Mädchens hatte schon einiges erlebt, gutes wie aber auch so manches schlechtes und allmählich war er betrübt und hatte Schwierigkeiten zu sehn. Das Mädchen aber, das jüngste unter seinen Kindern war wach wenn andere schliefen und hatte die Gabe, Dinge zu erkennen, welche anderen verborgen waren. Oft stritt sie mit ihren Geschwistern, da diese ihre Gabe nicht erkannten, sondern sie für verrückt hielten. Der Löwe hatte sich verirrt, denn seine Herde hatte sich aufgelöst und er war übrig geblieben. Doch er war noch zu jung und zu wild um eine eigene Herde zu führen. Das Mädchen und der Löwe verstanden sich gut, vieles hatten sie doch gemeinsam und so erlebten sie Gemeinsam so manch wunderlichen Tag. Doch an dem einen Tag kam es zum Streit und der Löwe schlug das Mädchen in seiner Wut, und seine Krallen schnitten ihr vom Hals den Rücken hinunter bis tief ins Innere. Sogleich streckte sie ihre Hand aus und liess alles gefrieren. Eine Kälte überzog den Ort und der Löwe wurde zu Eis. Das Mädchen floh und heulte. Der Löwe rannte ihr, als er sich wieder bewegen konnte, hinterher, denn er wollte um Verzeihung bitten und das Mädchen an seiner Seite nicht verlieren. Doch als sich das Mädchen umgedreht hatte und sah, dass er sie verfolgte bekam sie noch mehr Angst. Bei Ihrer Familie angekommen empfing sie ihr Vater und entdeckte mit grossem Entsetzen ihre Wunde. Sofort packte er seinen Speer und stand an den Ausgang der Hütte und schrie dem Löwen in die Wüste hinaus: „Komm nur, ich werde dich erlegen.“ Da erkannte der Löwe, dass er zutiefst schuldig war. Doch er konnte es nicht rückgängig machen. Als sie sich nun immerfort bekämpften, fühlte sich der Heiler gezwungen, den einen von ihnen aus seinem Kreis wegzuschicken. Er dachte aber bei sich: „Der Löwe ist zwar gefährlich, aber ich brauche sein Gebrüll, denn so laut wie er kann keiner von den Meinen brüllen. Und das Brüllen setzt Kraft und Mut frei.“ So entschied er sich gegen das Mädchen. Doch der Löwe wusste nichts davon. Das Mädchen aber wurde wütend und zog sich zurück. Wo sie auch den Schülern des Heilers begegnete, so verwandelte sie schnell alles in Eis. Und schaute, dass sich nichts bewegen konnte, denn sie hatte Angst. Und es war ihr Spiel. Der Löwe rannte los, so weit er konnte und lebte in den entfernten Tälern. Narrentrunk aber, der Geist des Rausches, welcher ihn stehts beobachtet hatte, erschien ihm und bot ihm allerlei zu trinken an. Der Löwe, durstig nach Leben trank sie alle aus und verfiel seinem Spiel und seiner Gewalt. So wuchs er zu einem Raubtier heran, Des Nachts im Rausche, des Tages Wild und Zäh. Doch immer wenn er wieder zu den Schülern des Heilers kam, erkannten diese seine Krallen nicht. Und wenn jemand diese dennoch erkannte, so fauchte er, bis jeder eingeschüchtert war. Denn das war sein Spiel.
Nach vielen Jahren aber trafen sich die Beiden wieder. Denn der Löwe hatte in seinem Durst das verlangen gehegt, Wein aus dem Keller des Herrschers zu stehlen. In jener Nacht aber war auch sie mit den selben Verlangen am selben Ort. Das Mädchen war eine Frau geworden, eine Zauberin. Auf ihrem Gewand waren tausend Scherben, die alles reflektierten uns spiegelten, was um sie herum war. Sie konnte jetzt nicht nur alles in Eis erstarren lassen, sondern sich noch unsichtbar machen, dass man kaum erkannte, wie sie den Raum kontrollierte. Doch sie war verbittert und enttäuscht. Der Löwe hatte eine lange und stolze Mähne und seine Krallen versteckte er gut unter dem Fell, so dass es niemand merken wollte, ebenso verbarg er den Umgang mit Narrentrunk. Er war verbittert und enttäuscht. Die Zauberin war dabei, sich mit Wein zu berauschen. Da fragte sie der Löwe: „Lass uns doch zusammen den Weinkeller leer trinken und unsere Lasten vergessen“ Die Zauberin blickte ihn erbost an: „Und das ausgerechnet von dir zu hören. Du bist doch beim Orden der Heiler und da ist es beim Tode verboten sich mit den Söhnen Schattenfluchs einzulassen. Und schon gar nicht erst mit Narrentrunk!“ „In den Jahren habe ich so manches von Narrentrunk gekostet. Doch der Heiler ist zu mir bekommen und hat mir verziehen.“ Als die Zauberin das hörte wurde sie wütend: „Du würdest dich besser im Brüllen üben, anstatt dich immerzu zu berauschen. Du verspielst deine Berufung.“ Dabei erkannte der Löwe in den Spiegeln an ihrem Kleid seine Krallen, und seinen leeren Blick. Trotz der Erkenntnis zogen sie los und leerten den Weinkeller. Betrunken wirbelten sie durch die Luft und tanzten berauscht in den Wolken. Dabei fiel dem Löwen ein, dass er stets Mühe hatte, die Zauberin zu berühren, da sie Angst vor seinen Krallen hatte. Doch mitten im Sturm schien sie das nicht zu stören. Und der Löwe wurde nachdenklich und wünschte sich, dass sie nicht Zauberin geworden wäre, sondern früh gelernt hätte ihre Angst zu besiegen. Da wurde der Löwe traurig. Und als der Sturm verblasste, war die Zauberin weg, und der Löwe dachte viel über sie nach.
Die Worte der Zauberin aber hallten ihm noch immer im Kopfe. Und als er nüchtern war, entschied er sich gegen Narrentrunk und kehrte zu seinem Meister, dem Heiler zurück. Dort erkannte er, dass der Wein seine Stimme träge gemacht hatte in den Jahren. Doch der Heiler rief die Himmel an, sie mögen sich über den Löwen erbarmen und neu mit ihm anfangen. Der Himmel erkannte die Reue in den Augen des Tieres und schenkte ihm eine Stimme, die noch lauter war als er sie zuvor hatte. Und sein Gebrüll ging durch die Wildnis und stärkte einen Jeden der es hörte. Auch die Zauberin hörte ihn und auch sie kam zum Heiler zurück. Und schon bald hatte sie ihren Mantel aus Spiegeln abgelegt und statt andere zu verzaubern lernte sie zu heilen, und sie wurde eine grosse Heilerin, wie es schon immer für sie bestimmt gewesen war.

Die Erschaffung von Gedankenfels

Als der Weise aber die Geschichte zu Ende erzählt hatte, hatte der Fürst Machtwerk erbarmen mit dem Handwerker und er liess ihn vor sich bringen. Und der Handwerker sprach: „ Oh Hocherhabener Herrscher über den Dämmerfels, über das Sanddünenmeer und die Gipfel des Steingerippengebirges. So sehr bereue ich meine Tat, denn zu hoch waren meine Gedanken, und zu rein war Klarerz, so dass wir die Göttin Reinherz nicht erblicken können, so gewähre mir aber eine neue Zeit und ich werde dir einen Gott erschaffen, den du sehen kannst, und dessen Worte du verstehen kannst.“ Und dem Herrscher gefiel seine Rede und er gewährte ihm eine neue Zeit. Und so kam es, dass der Handwerker noch am selben Tage in seiner Werkstätte mit der Arbeit begann. Tag und Nacht war er dabei, bis er endlich den Gott Gedankenfels erschaffte. Gedankenfels war aus verschiedenem Gestein, Hart wie ein Fels und hatte einen riesigen Kopf und konnte sich alle nur erdenklichen Dinge vorstellen. Der Handwerker freute sich, doch sogleich füllte sich sein Herz mit Angst, Gedankenfels könnte während der Zeit, in der er zum Herrscher gehe, um ihm zu berichten, fliehen. Und er fürchtete sich vor dem Gefängnis und dem Tod durch den Henker. So entschloss er sich, Gedankenfels anzuketten, damit er nicht entkommen konnte, während er in den Palast schritt. Der Fürst erfreute sich und als er Gedankenfels erblickte, wuchs in ihm die Hoffnung auf die Antworten seiner brennenden Fragen nach der Herkunft der Lebewesen, nach der Ordnung von Tag und Nacht, nach den Wegen der Winde und nach den Sprachen der Völker und dem Sinn des Seins. Und Gedankenfels wurde in den Palast gebracht und der Fürst stellte ihm alle Fragen. Und Gedankenfels erzählte ihm alles, was er wusste, und das war vieles. Und so wurde er der Gott des Wissens.

Als der Fürst aber alt geworden war hatte er Angst, all die Dinge zu vergessen, welche ihm Gedankenfels erzählt hatte. Er wandte sich in seinem Kummer an ihn. Und dieser dachte lange darüber nach, bis er in seiner Weisheit die Schrift erfand. Und es waren Zeichen. Ein jeder Laut aus dem Mund hatte eine Form auf dem Stein, worauf sie geschrieben waren. Und auch erfand er die Zahlen. Und der Fürst war erfreut und lernte den Völkern die Schrift. Und so wurde seine Sprache zur wichtigsten von Sichtreich. Und Dämmerfels wurde mächtiger als je zuvor.

Fürst Machtwerk aber wurde immer älter, und als er spürte, dass er bald sterben würde, verbrachte er viele Zeit bei Gedankenfels und lauschte seiner Weisheit. Obgleich Gedankenfels vieles wusste, wusste er nur das, was er sah, und was er hörte. Nicht aber das Verborgene. So erkannte er, dass obwohl er die Zukunft erahnte, die Vergangenheit nicht sehen konnte. Und als eines Tages der Fürst bei ihm war, fragte ihn Gedankenfels, wie er zu seiner Macht kam. Und Machtwerk erzählt ihm seine Geschichte:

Machtwerks Geschichte

Mein Vater war ein weiser Mann, doch er war arm. Er hatte nur seine Zelte, und seine wenigen Tiere. Und die Zelte waren durchlöchert und die Tiere schwach, denn es gab in der frühen Zeit grosse Sandstürme und wenig grün. Und auch wenn mein Vater alt und zerbrechlich war, war sein Herz doch stark in ihm. Und so oft er mir Geschichten erzählte, freute sich mein Herz, aber am liebsten lauschte ich den Geschichten über Dämmerlicht, dem zweiten Herrscher von Sichtreich. Und so war es auch an diesem Abend, als er mir die Geschichte von Dämmerlicht und der Prägung des Goldes erzählte. Die Geschichte aber ging so:

Dämmerlicht und die Prägung des Goldes

Dämmerlicht war der älteste Sohn von Dämmerfunke und somit der Erbe des ersten Herrschers von Sichtreich. Doch er war nicht so geschickt im Handel wie sein Vater. Und so suchte er nach einem Weg, besser mit den Waren hauszuhalten. Doch seine Berater wussten ihm nichts vorzuschlagen. Bis eines Nachts die Phantome zu ihm sprachen: "Giesse dir aus Glanzerz und Schönerz Münzen und verteile sie unter dem Volk. Ab sofort sollst du keine Waren mehr gegen Waren tauschen sondern gegen dieses Geld. Und nur du sollst in deiner Weisheit entscheiden, wie viel es davon geben soll." Dämmerlicht war von der Idee begeistert und liess den Schmied kommen. Jener machte sich gleich ans Werk. Als aber der Schmied von getaner Arbeit müde war und sich zum Schlaf legte, schlich sich Schattenfluch, welcher Dämmerlicht nämlich die Idee gesandt hatte, in die Schmiede und heizte das Metall wieder auf und mischte ein wenig Bittererz dazu und goss die Münzen wieder so hin, dass der Schmied nichts merken konnte. Dämmerlicht liess einiges Geld verteilen, verschenken und sperrte den Rest weg in seine Schatzkammer. Über die Jahre verteilte sich das Geld über die ganze Erde. Das Bittererz aber machte sie alle gierig nach mehr und Schattenfluch freute sich über die Diebe und Räuber, welche die Händler überfielen und über die Reichen, welche die Armen ausbeuteten, um noch mehr zu bekommen. Denn es verhielt sich so, wer viel hatte, wollte noch mehr.
Als mein Vater mir diese Geschichte erzählt hatte, wurde ich neugierig und fragte, was es denn mit Bittererz auf sich hatte, dass es so viel Macht haben konnte. Er aber antwortete: „Es gibt noch viel Schlimmeres, was Schattenfluch mit Bittererz angestellt hat. Das Wohl gräulichste war die Erschaffung der Leichenfresser.“ Da erzählte er mir die Geschichte der Leichenfresser:

Bittererz und die Leichenfresser

Schattenfluch aber suchte sich unter den Phantomen nach Gefolgsmännern, welche vor nichts Halt machen würden. Doch niemand wollte die Taten vollbringen, welche er verlangte. Denn sie waren zu dunkel, selbst für die dunkelsten aller Phantome. So durchstreifte er das Ödland, an den abgelegendsten Ort, um nachzudenken. Dabei traf er auf Bittererz, einer von Wandelerds Söhnen. Ein riesiger weisser Fels, der sich umherschleppte. Ihm folgte ein Volkstamm hinterher. Dieses waren die Weissäugigen. Schattenfluch fragte sie nach dem Grund, weshalb sie Bittererz selbst durch den entlegendsten Teil des Ödland folgten. Dabei erzählten ihm die Weissäugigen, dass sie das weisse Gestein, welches von Bittererz abbröckelte, seit vielen Jahren zur Jagdbemalung brauchten. Es machte ihre Augen auf, so dass sie in der Nacht sehen konnten wie am Tag und ihre Sinne scharf wie die eines Raubtiers. Wenn aber der Tag kam, entzog es ihnen die Kraft und sie brauchten erneut dieses Gestein. So folgten sie Bittererz, in der ewigen Abhängigkeit. Schattenfluch nahm sich von dem Pulver mit. Er aber mischte es einigen der Phantome ins Trinkwasser. Diese verfielen dem Jagddurst und wurden zu den gerissensten Lakaien Schattenfluchs Doch dieser verriet ihnen die Herkunft des Stoffes nicht, sondern erpresste sie täglich damit. Doch der Jagddurst wurde so gross, dass er die Phantome verzehrte und sie wurden zu den Leichenfressern. Schattenfluch konnte sie kaum mehr im Zaum halten und so überliess er sie sich selbst. Seither zeihen sie des Nachts umher und ernähren sich von den Toten, denn nur im Blut ist genug Lebenskraft, um sie am Leben zu erhalten.
Ich war aber erstaunt über das, was ich hörte. Die Geschichten meines Vaters hatten die ganze Nacht hindurch gedauert und der Morgen war gekommen. Es war an mir, die Tiere hinaus in die Täler zu führen, um sie weiden zu lassen. Und ich wanderte bis es Abend wurde in der glühenden Sonne und doch fand ich keine grüne Stelle. Da sah ich am Horizont einen gewaltigen Sturm auf mich zukommen und ich rannte mit den Tieren so schnell ich konnte. Und als der Sturm uns fast erreichte schrie ich auf zu den Himmeln um Hilfe. Und siehe da, es erschien mir ein Phantom. Riesengross und mit feurigen Augen. Ich erschrak bei seinem Anblick, doch er schien mir wohl gesonnen zu sein, und führte mich und die Tiere an einen sicheren Ort.
Erst als der Sturm vorüber war, merkte ich, dass ich in einer alten Ruine war. Und rund herum standen ebenfalls Ruinen so weit das Auge reichte. Der Geist war verschwunden, noch ehe ich fragen konnte, wo ich war, und so machte ich mich auf, den Ort zu durchsuchen. Es schien früher einmal eine Stadt gewesen zu sein. Mit grossen Häusern und Türmen, welche aus dem Felsen gehauen waren. und da ich bis zu jeder Zeit nur das Leben in Zelten kannte, war ich zutiefst erstaunt darüber. Ich durchzog die Stadt und soweit ich auch kam, die Häuser schienen nicht aufzuhören und schon dachte ich bei mir: Dies muss der Wohnort der Phantome sein, denn solche Säulen und Türme weiss Menschenhand nicht zu erschaffen. Und ich bekam Angst. Und ich suchte den Weg zurück zu meinem Vater, und berichtete ihm alles was ich gesehen hatte.
Die Augen meines Vaters aber leuchteten, als ich da sprach. Und ich fragte ihn: „Wie kommt es, dass du nicht erstaunt oder beängstigt bist, als ich dir dies berichten?“ Er aber antwortete: „Mein Sohn, ich kenne jene Stätte, zwar habe ich sie nie selbst gesehen, doch hatte ich von ihr gehört. Es muss der Dämmerfels sein. Einst regierte Dämmerlicht der zweite Herrscher in ihr.“ Und da erzählte mir mein Vater einmal mehr eine Geschichte von Dämmerlicht:

Dämmerlicht und der Bau der Brücke

Eines Nachts kamen die Phantome zu Dämmerlicht in sein Schlafgemach und teilten ihm die Pläne ihres Meisters mit. Sie hatten vor, eine Brücke zum heiligen Berg zu bauen. Dämmerlicht versammelte alles Volk und führte sie an den Fuss des heiligen Berges. Dort bauten sie die grosse Stadt Dämmerfels. Und die Phantome wohnten unter ihnen. Und als sich die Sterblichen an die Geister gewöhnt hatten, suchte Schattenfluch nach Freiwiligen, welche ihre Kinder den Phantomen opferten. Diese Kinder wurden die Grossen der Vorzeit. Sie waren die Riesen, welche die Felsen von der Küste herbrachten zum Bau der Phantomtempel und der geplanten Brücke zum heiligen Berg. Doch der Herr des Heiligen Bergs sah was Schattenfluch plante und streckte seine Hand aus gegen die Eindringlinge. Doch sein Herz schmerzte. So sandte er seine getreuen Phantome aus, das Volk zu hindern, die Pläne Schattenfluchs umzusetzen. Doch es fanden sich nur wenige unter ihnen, welche auf ihn hörten. Diesen trug er auf, einen Tunnel zu graben, tief ins Erdinnere. Als sie dort im Boden waren, kam ein Sandsturm und verschüttete die abtrünnigen Menschen, und ihre Riesen. Der Sand verweilte lange um den heiligen Berg, und die Überlebenden in den Schachten unter der Erde lebten dort einige Jahrzehnte, bis sie wieder an die Oberfläche kamen. Diese Schachten sind noch heute erhalten und durchziehen grosse Teile des Landes.
Die Überlebenden hatten in der Zeit unter der Erde vieles vergessen was geschehen war und liessen sich erneut von den Phantomen Schattenfluchs verführen und wollten die Brücke über den Abgrund hinüber zum heiligen Berg weiterbauen. Da schritt der Herr des Heiligen Bergs ein, und seine Geister vertrieben die Menschen hinaus in die ganze Welt. Alle am selben Ort waren sie für Schattenfluch viel zu schnell zu verderben. So entwickelten sich die Menschen über lange Zeit getrennt voneinander. Und ihre Körper waren geprägt von der Umgebung, in der sie lebten. So entstanden die unterschiedlichen Völker, Stämme und Sippen auf dem Rücken Wandelerds. Dem Herrn des Heiligen Bergs gefiel es, sie unterschiedlich sein zu lassen. Und er bereute es, so viele beim Sandsturm verloren zu haben, und er schwor sich, kein solches Verderben mehr zu zulassen.
Und so wie es mein Vater zu berichten wusste, musste es sich zugetragen haben, denn sonst konnte ich mir nicht erklären wieso eine solch grosse Stadt leer sein konnte. Und ich nahm meinen Vater und meine Mutter und unsere Zelte und belud die Tiere und wir gingen hinein in die Ruinenstadt Dämmerfels und lebten dort, wo einst Dämmerlicht lebte. Denn die Steinmauern der Häuser boten mehr Schutz als unsere Zelte.
Als wir aber einige Zeit da wohnten, entdeckte ich beim Durchstöbern der Ruinen die Hallen Schatzkammer Dämmerlichts. Die Kunde der Entdeckung einer alten Stadt kam weit herum und viele der anderen Nomaden liessen sich auch in den leeren Häusern nieder. Ich aber setzte meine Freunde als Wächter vor die Stadttore und liess jeden der hinein und hinaus ging mit Waren bezahlen, oder mit Geld. Denn ich tauschte das Geld der Schatzkammer, welche ich gefunden hatte, gegen wertvollste Waren ein. So wurde ich reich und mächtig. Und schon bald rüstete ich die Wächter für den Krieg aus, denn viele wollten für Geld meine Wachen sein. Und so zogen meine Soldaten von Stamm zu Stamm und führte sie nach Dämmerfels, oder aber die Stämme gaben mir regelmässig von ihrem Ertrag des Bodens und der Jagd. Schon bald herrschte ich über das ganze Land. So bin ich zu Ruhm und Macht gekommen.

Das Ende Machtwerks

Als der Fürst Machtwerk seine Geschichte zu Ende erzählt hatte, war er an Leben satt, und da seine Zeit gekommen war, verstarb er. Bevor er aber starb, bedankte er sich bei Gedankenfels und sagte: „Dir Gedankenfels, Gott des Wissens, soll alle Huld der Völker sein, nur dich sollen sie anbeten, denn du bist sichtbar und verständlich, nicht aber so wie deine Frau Reinherz.“ Als Gedankenfels aber von ihr hörte, regte sich etwas in seinem kalten Innern. Und er riss sich los von dem Ort wo er gefangen war und machte sich auf die Suche nach der Göttin Reinherz. Da erkannte er die Grösse der Welt, von der er so viel wusste, und sie doch nicht kannte. Und er entschloss sich, sie ganz zu verstehen, ein jedes Ding zu wissen und zu kennen. Aber am meisten schwor er sich, seine Frau zu finden, denn er sehnte sich nach einem Gegenüber.

Machtwerk aber war gestorben, und andere wurden seine Nachfolger, die an seiner Stelle regieren sollten. Doch nie mehr sollte Dämmerfels so glänzen wie sie es zur Zeit Dämmerlichts oder Machtwerks getan hat. Und mit Gedankenfels ging auch das Wissen aus der Stadt und vieles an Erkenntnis ging verloren, denn oft hatten die Nachfolger des Fürsten nur die Macht im Kopf und nicht das Wissen.

Gedankenfels am Ende der Welt

Gedankenfels aber wanderte unablässig durch die Täler, Steppen, Wüsten und Wälder, bis er auf der Suche nach der Wahrheit am Ende der Welt angekommen war. Doch noch immer hatte er nicht gefunden, was er zu verstehen versuchte. So setzte er sich hin und dachte über alles nach, was er bis anhin erkannt hatte. Jahre vergingen und der Wald wuchs über ihn, und die Wurzeln umschlangen ihm, bis er selbst Teil des Waldes wurde. Und da lag er begraben tausend Jahre lang, bis er von neuem entdeckt wurde. Die Jäger, welche in das weit abgelegene Tal kamen, sahen seinen Kopf unter den Wurzeln der Bäume und so kam es, dass sie ihn ansprachen. Gedankenfels aber konnte sich nicht mehr bewegen, da er beim Denken die Welt um sich herum vergessen hatte und nun tief im Boden feststeckte. So legten die Jäger ihre Speere nieder und gruben Gedankenfels aus. Bis sie ihn ausgegraben hatten war eine lange Zeit vergangen und immerzu erklärte ihnen Gedankenfels wie die Welt war und wie man sie verstehen konnte. Er bedankte sich und wollte weiterziehen. Doch sie blieben an der Stelle, wo sie Gedankenfels ausgegraben hatten und befragten ihn bis spät in die Nacht. Der Morgen kam und es hungerte sie, doch sie waren der Jagd überdrüssig und wollten nur noch reden. So gründeten sie, noch an derselben Stelle, die Schule der Gelehrsamkeit. Und sie behielten Gedankenfels sieben Tage lang bei sich, und er zeigte ihnen die Schrift, doch anders als er sie früher dem Fürsten Machtwerk gezeigt hatte, denn dieses Volk war anders und ihre Sprache bedurfte anderer Schrift. Als er sie aber sieben Tage gelehrt hatte, zog er weiter. Die Jäger aber sprachen von dieser Zeit an nur noch über die Erkenntnisse des Gedankenfels und so nannte man sie fortan die Gelehrsamen, die Schüler von Gedankenfels. Und alle Welt pilgerte dorthin um das Wissen des Gedankenfels zu erforschen.

Maskentanz und Krallenfürst

Das Dorf der Gelehrsamen aber hatte Angst vor den Wilden Tieren, denn Gedankenfels war weg gezogen und beschützte sie nicht. Da schnitzen sie sich aus Holz einen Gott, welcher sie Beschützen sollte. Und so schuffen sie Gesichtertanz. Denn sein Gesicht änderte schnell ihre Form. Mal hatte er die kantigen Züge seines Bruders Gedankenfels, und mal der sanfte Blick seiner Schwester Reinherz. Und so tanzten sie jeden Abend um ihn herum und feierten mit Narrentrunk.

Krallenfürst, der Sohn Wildmähnes, dem Umgezähmten, Vater aller Löwen, aber hörte in der Wildnis von dem Hohn, als sie da sangen: „Gesichtertanz, Gesichtertanz, bist viel grösser als die Tiere des Waldes, gibst uns die Macht über die Lebewesen.“ So pirschte er sich heran und zerkratze ihm das Gesicht, so dass man es nicht mehr erkennen konnte. Die Dorfbewohner flohen in Angst. Doch der Schamane schnitzte dem Gesichtslosen viele Masken, welche er von da an tragen sollte. Und man nannte ihn seither Maskentanz. Es kam aber der Tag, an dem Maskentanz mit einer Löwenmaske auszog und sich unter das Rudel des Krallenfürsts schlich. Dort hielt er sich solange bedeckt, bis dieser einschlief, so dass er ihm die Krallen abschnitt. Die Krallen aber brachte er dem Dorf. Seither tragen die Dorfbewohner Löwenkrallen als Schmuck, zur Erinnerung an die Bezähmung des Wilden Tiers durch den Gott Maskentanz. Und über die Jahrhunderte wurde der beliebteste Gott in ganz Sichtreich, und wohin er kam, zog er neue Masken an, welche die Menschen ihm schnitzten. Einige waren furchteinflössend, einige Nachdenklich, einige Stolz und wieder andere verbreiteten Freude.

Starkfaust in der Schule der Gelehrsamkeit

Viele Zeit verging und auch Starkfaust vernahm von der Weisheit, welche Gedankenfels diesem Ort anvertraut hatte. Und auch er machte sich auf, um daran Teil zu haben. Es war aber so, dass zu jener Zeit viele Leute nur in der Welt der Gedanken leben wollten, sich aber niemand um die alltäglichen Dinge, wie Essen und Schlaf kümmern wollte. So war es üblich, dass die Neuankömmlinge, ehe sie in die Schule aufgenommen wurden, sich um Behausungen und Nahrungen der Schüler und Gelehrten kümmern mussten. Und Starkfaust wurde die Aufgabe der Jagd zuteil. Und erst, wenn er genügend Fleisch herbeibrachte, durfte er auch den Worten der Lehrer horchen. So kam es, dass er sich bei der Jagd immer sehr anstrengte. Doch dann kam es, dass er eines Tages mit dem Wissen, welches er des Nachts beim Lehrer erkannt hatte, ein Gerät erfand, welches ihm die Jagd erleichtern sollte. Uns so entwickelte er im Wissen um Schwung, Kraft und Bewegung den Pfeilbogen. Doch niemandem verriet er seine Erfindung, denn er wollte stets der Schnellste sein. Und tatsächlich war er immer der Erste, welcher von den Jägern zurückkam, und hatte mehr Zeit für seine Studien.

Nach einigen Wochen aber, als Starkfaust wieder auf der Jagd war, folgte ihm ein eifersüchtiger Mitschüler, der sein Geheimnis wissen wollte. Starkfaust aber bemerkte seinen Verfolger und versuchte ihn abzuhängen. Dabei rannte er aber unvorsichtig, und bemerkte nicht, dass sein Fuss in eine Falle trat. Die Äste zerbarsten und er fiel in einen tiefen Schacht. Sogleich wurde er bewusstlos. Sein Verfolger trat an die Grube heran und beobachtete was geschah. Als Starkfaust wieder zu sich kam, blickte er in die Augen von Natterhatz, Tochter Fallenlists. Natterhatz aber war halb Mensch und halb Schlange. Ihr Haar war wild und lang, und ihre Augen giftig. Sie freute sich über die Beute und wollte Starkfaust verschlingen, da schrie Starkfaust um Gnade. Natterhatz war verwundert: „Wie kommt es dass ein Tier sprechen kann?“ „Ich bin kein Tier,“ antwortete Starkfaust. Die Riesenschlange musterte ihn: „Bist du denn ein Phantom?“ „Nein, ich bin ein Mensch aus dem Stamm der Gelehrsamen, den Gott Gedankenfels verehrend.“ „Es ist mir gleich, wie du dich nennst, und was du verehrst. Auch wenn du sprichst, scheinst du mir nicht mehr zu sein als ein Tier. Mein Vater ist Hüter dieses Waldes und ich habe das Recht hier zu jagen, so sage mir einen Grund, wieso ich dich verschonen soll.“ Starkfaust schaute verzweifelt um sich, doch sein Auge konnte nichts erkennen, was ihm behilflich hätte sein können. Doch dann erinnerte er sich an seinen Bogen. Er hielt ihr den Bogen entgegen und sagte: „Hier edle Jägerin, nehmt dies als Zeichen der Unterwerfung. Es ist eine Waffe, von mir selbst entworfen, und es gibt nur diese. Und es gibt nichts schnelleres und tödlicheres als ihre Pfeile.“ Die Schlange nahm den Bogen an sich und als Dank liess sie ihn frei. Starkfaust war glücklich über seine Rettung und kehrte heim.

Doch er vergass seinen Verfolger. Er trachtete danach, sich einen neuen Bogen zu machen, und als er bei der Herstellung war, wurde er beobachtet. Und so kam es, dass plötzlich viele einen Bogen hatten, denn ein Jeder baute sich einen. Da wurde Starkfaust zornig, da er nicht mehr der Beste unter den Jägern war. In seiner Wut suchte er erneut die Schlangenfalle auf und sprach zu Natterhatz: „Den Bogen, den ich dir gegeben habe, ist nun nicht mehr der Einzige, denn viele tragen ihn. Und alle rühmen sich „der Herr der Jagd“. Doch bist nicht du die Herrin der Jagd?“ Da entbrannte der Zorn in ihr und sie zog zur Schule der Gelehrsamkeit hinauf und tötete alle Jäger. Und Starkfaust wurde verstossen. Da erkannte er die Kunst der Kriegslist und er zog los, mit dem Plan im Herzen, über ganz Sichtreich zu Herrschen, er wollte für Ordnung schauen, und die Lehre des Gedankenfels sollte die Menschen erreichen. Und Natterhatz zieht seither durch die Wälder des Endes der Welt und ihre Pfeile sind giftig, und sie Wurde von vielen Menschen zur Göttin der Jagdkunst gemacht, denn niemand beherrschte das Jagen so wie sie. Und nicht Starkfaust wurde zum Gott, sondern eine Tochter Fallenlists.

Doch während der tausend Jahren als Gedankenfels vergraben war, hatte sich viel verändert. Überall wurden Städte gebaut, Kriege erhoben sich und das Haus Machtwerks verlor die Macht und die Herrschaft ging weiter an dem Stamm Löwenhaar, welcher weit unten im Süden ihre Stadt hatten. Und Starkfaust wusste, dass wenn er der mächtigste Mann von Sichtreich werden wollte, genau da hingehen musste. Und so machte er sich auf durch die Wüsten, Steppen, Felsen und Täler.

Starkfaust in der Stadt der Fleisshände

Auf seiner Reise kam er auch in die Stadt der Fleisshände. Und was er in dieser Stadt sah versetzte ihn in Nachdenklichkeit. Das Seltsamste aber war für ihn die Bibliothek, die neben dem Tempel stand. Denn sie war nicht wie anderer Orts, denn hier stand nirgends ein Bildnis von Gedankenfels. keine Statue, kein Symbol, nichts. Verwundert fragte er einen der Gelehrten, welche zu jener Zeit ein und ausgingen, wo denn der Altar des Gedankenfels stehe, denn er wollte eine Opferabgabe verrichten. Entsetzt blickte ihn der Gelehrte an und sprach: „So etwas gibt es hier nicht. Dies ist die Stadt der Fleisshände, aus dem Volke des Urvaters Offenaug.“ Starkfaust aber hatte noch nie von jenen gehört, und so fragte er, was das für ein Volk sei, da erzählte ihm der Gelehrte die Geschichte seines Volkes:

Offenaug und das Phantom des Allereinzigsten

Offenaug aber lebte zu der Zeit auf Dämmerfels, als die Götter erschaffen wurden. Er aber verstand nicht, wozu die Menschen sich Götter erschufen. Er zweifelte, ob es da nicht etwas gäbe über den Göttern. Er erfragte die Mystiker, welche ihm von den Elementen erzählten und den Grossen Vier. Doch Offenaug suchte weiter. Er erfragte die Beschwörer, welche ihm von den Phantomen erzählten. Doch Offenaug suchte weiter. Er erfragte die Druiden, welche ihm von Wildmähne, dem Ungezähmten, und Sternenblatt, der Edlen erzählten. Doch Offenaug suchte weiter. Er erfragte eine Sphinx, doch diese würgte ihn nur und er blieb in der Wüste liegen. Als er fast ausgetrocknet war, erschien ihm ein Phantom, dieses trug ihn durch die Wüste zu einer Oase. Dort trank Offenaug, bis er wieder stark war. Doch er hatte Angst vom Phantom getötet zu werden und fragte ihn: "Willst du mich denn nicht töten, Geist der Vorzeit?" "Der Verborgene hat mir Güte erwiesen, so erweise ich auch dir Güte." "Wie heisst dieser Verborgene?" Das Phantom antwortete: "Du sollst ihn der Allereinzigste nennen, so nennen ihn die Phantome, welche nicht von Schattenfluch, dem Verführer verblendet wurden." Offenaug aber bedankte sich bei dem Phantom. So kam der Glaube an den Allereinzigsten und das Wissen über Schattenfluch in die Welt. Und Offenaug wurde Alt und hatte viele Kinder, die sich die Offenaugen nannten.
Die Kinder Schattenfluchs verführten die Menschen immer wieder hin zum Bösen. So suchte der Allereinzigste die Völker auf, um sie vor dem Verderben zu warnen. Doch die Augen der Menschen waren trübe und ihr Herz schwer von der dunklen Kraft Schattenfluchs, dass sie ihn nicht erkannten. Nur ein einizer Stamm hörte auf seinem Ruf. Es war nämlich ein Stamm unter den Offenaugen: Fleisshand, ein Nachkomme Offenaugs hatte die Geschichte vom Urvater und dem Phantom gehört und er versuchte stehts Güte walten zu lassen, wie er hörte das der Allereinzigste Güte walten lies. So unterrichtete er es seinen Söhnen, den Fleisshänden. Und der Allereinzigste gab ihnen in seiner Weisheit das Gesetz, welches er mit dem Botschafter des Todes ausgehandelt hatte. Denn nur so konnten sie sich vor Totengeistern schützen.

Starkfaust aber war erstaunt über diese Rede des Gelehrten, denn so etwas hatte er noch nicht gehört und auch noch nie etwas vom Allereinzigsten, und er kannte keinen Gott mit solch einem Titel. Denn er kannte nur Götter die von Menschenhand geschaffen waren. So fragte er „Ist dieser Allereinzigste höher als die Menschen?“ „Tausendmal Tausend ist er höher, denn diese hat er erschaffen!“ antwortete der Gelehrte. „Ist dieser Allereinzigste höher als die Tiere?“ „Tausendmal Tausend ist er höher, denn diese hat er erschaffen!“ antwortete der Gelehrte. „Ist dieser Allereinzigste höher als die Phantome?“ „Tausendmal Tausend ist er höher, denn diese hat er erschaffen!“ antwortete der Gelehrte. „Ist denn dieser Allereinzigste höher als die Elemente?“ „Tausendmal Tausend ist er höher, denn diese hat er erschaffen!“ antwortete der Gelehrte. Da wunderte sich Starkfaust, denn solches hatte er noch nie gehört. Und der Gelehrte erkannte dies und fragte: „Reisender aus dem Norden, habt ihr denn noch nie von der Schöpfung der Welt gehört?“ Da erzählte er ihm die Geschichte der Entstehung der Welt.

Die Geschichte der Entstehung der Welt, wie sie sich die Fleisshände erzählen

Die Welt war leer und ohne Leben. Doch der Allereinzigste wart schon immer da und bleibet immer.

Die Grossen Vier

Doch es waren noch keine Sterne am Himmel, immer noch dunkle Nacht. Der Allereinzigste erschuf die Grossen Vier und teilte das Sein unter ihnen auf. Nichts sollte ohne sie bestehen. Der Allereinzigste übergab Loderglut das Feuer, und seine Kinder sind die Flammen. Wandelerd wurde die Erde übergeben, und seine Kinder sind die Erze. Himmelkleid wurde Wächterin über die Luft, die Winde sind ihre Nachkommen. Morgentau wurde das Wasser anvertraut, und nach ihr kamen die Wellen.
Doch es waren immer noch keine Sterne am Himmel, immer noch dunkle Nacht. Und sie fragten ihren Herrn, wo sie denn die Nacht verbringen sollen. Der Allereinzigste sprach: "Wandelerd, du bist der Grösste unter den Grossen Vier. Sollen die Anderen auf deinem Rücken wohnen, und in deinem Innern Unterschlupf finden. Loderglut du bist der hellste der Grossen Vier, du sollst für die anderen Leuchten und ihnen den Weg zeigen in der Nacht. Soll dich deine Frau Morgentau im Zaum halten, damit du nicht alles verbrennst. Du Morgentau wirst die Lebensspenderin werden. Du bist die Beweglichste unter den Grossen Vier. Himmelkleid sei du die Wächterin über die Grossen Vier, weil du alles durchdringst und überblickst." So entstand die Erde.
Die Grossen Vier vermehrten sich und brachten ihre Söhne und Töchter, die Elemente ins Leben. Auf dem Rücken von Wandelerd bildete sich ein Vulkan, heraus kamen die Flammen, Söhne und Töchter von Loderglut und die Erze, die Kinder Wandelerd’s die das Land durchzogen. Himmelkleid hatte ihre Kinder schon längst auf die Welt gebracht und half nun Morgentau bei den ihren. In der Luft umhergewirbelt von Himmelkleid fielen Morgentaus Kinder vom Himmel herunter auf die Erde und löschten das Feuer des Vulkans. So fiel der erste Regen.
Doch es waren immer noch keine Sterne am Himmel, immer noch dunkle Nacht.
Die Elemente suchten die Nähe zu ihrem Herrn und baten ihn, auf die Erde zu kommen, und unter ihnen zu wohnen. So stieg der Allereinzigste von den Himmeln herunter und lebte fortan auf dem alten Vulkanberg. Daher heisst er „der Heilige Berg“.

Die Phantome am Heiligen Berg

Der Allereinzigste vermisste die Himmel. Er sah, wie die Grossen Vier glücklich waren mit ihren Kindern. Und so entschied er sich, selber Kinder zu haben. Er griff hinauf zu den Himmeln und nahm vom Weltennebel, formte daraus seine Kinder und legte seinen Geist in sie hinein. Das waren die Phantome. Jeder von ihnen war ein Stern am Himmel, und der Allereinzigste freute sich und begann zu leuchten und seine Freude wurde zur Sonne. Und endlich war es hell auf der Erde und die Elemente sahen auf zum Heiligen Berg und freuten sich über das Glück des Allereinzigsten.
Als die Phantome gross an Zahl wurden, fragten auch sie, wo sie wohnen können. Er liess sie bei sich auf dem Berg leben. Sie bauten sich Häuser und ihm zur Ehre einen Palast oben auf dem Berg und den grossen Thronsaal. Musik erklang von Morgens bis Abends im Angesicht des Allereinzigsten. Alles Harmonisierte in der Säulenhalle, die Musik schwebte vom Berg hinaus auf die ganze Erde. Und die Erde war diese Musik.
Eines Tages bat der Allereinzigste Morgentau zu sich und führte sie hinaus aus der Säulenhalle und zeigte ihr weit oben abgelegen vom Palast einen Felsen. Dort legte er einen Samen in den Boden und bat Morgentau dafür zu sorgen, damit er wachsen und spriessen könne. Denn es sollte ein Baum werden, so gross, dass alle darunter Schatten finden können, und er sollte Frucht geben, damit alle genug zu Essen hatten. Und so wurde Morgentau die Lebensspenderin. Der Baum wurde gross und verlieh denjenigen die davon assen Leben und Genesung.

Die Erschaffung der Zeit

Doch die Zeit war noch nicht in Bewegung, sondern still in sich selbst. Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart waren noch nicht getrennt. Und alle Lebewesen waren ewig. Da sagten sich die Phantome: „Wenn aber die Zeit ohne Regel ist, könnten wir nicht alles Rückgängig machen? Alles ungeschehen?“ Und je mehr die Phantome in der Unendlichkeit umherirrten wussten sie nicht mehr, wann sie waren. Und so kam es, dass der Allereinzigste Zeitenwend, das älteste der Phantome, zu sich herzog, denn dieser war es Leid, in der Zeit zu reisen. Er war alt und träge geworden. Er führte ihn an den Anfang der Zeit und gab ihm eine Sanduhr. Immer wenn eine Ewigkeit um war, sollte er daran drehen, damit die Zeit weiterlaufe. Und anhand des Standes des Sandes konnte er bestimmen, wann etwas geschehe. So vermass er die Ewigkeit in einer Richtung, nämlich von Anfang bis Ende. Zeitenwend wurde zu einem der Wächter. Er war der Wächter der Zeit.

Lichterprachts Fall

Und die Phantome vermehrten sich und alle wohnten beim Palast. Der Allereinzigste teilte seine uneingeschränkte Macht mit ihnen, und übergab ihnen Aufgaben, damit sie ihre Kräfte einsetzen konnten. Es waren grosse Geister. Der Grösste unter Ihnen aber war Lichterpracht. Denn er war der Wächter der Musik, und er dirigierte den Chor, und führte die Instrumente im Thronsaal an. Er wurde von allen hoch angesehen und geschätzt. Bis zu dem Tag als es ihm zu Kopfe stieg, und er wollte nicht mehr Musik machen um der Herrlichkeit des Allereinzigsten, sonderm um seiner eigenen Anerkennung willen. Als er von der gemeinsamen Harmonie abwich und seine eigene suchte, bleiben die meisten jedoch den richtigen Klängen treu. Doch einige liessen sich von Lichterpracht mitreissen und es erklang ein Unklang der die Erde erzittern liess, der Boden schwankte und die Säulen drohten einzufallen. Doch der Allereinzigste schritt ein. Er rief Lichterpracht zur Einsicht, und bat ihn, die Einheit der Welt nicht wegen des eigenen Bedürfnisses in Gefahr zu versetzen. Doch Lichterpracht wollte nicht hören und spielte weiter. So kam es zu einem Kampf der Melodien, bis die Lautstärke in einer Explosion endete und Lichterpracht und die anderen Falschspieler in die Tiefe gerissen wurden. Sie wurden vom Heiligen Berg verbannt und durchstreifen seither die Wüsten von Wandelerd. Und ihr licht verblasste, und so wurde aus Lichterpracht Schattenfluch.
Der Allereinzigste war traurig darüber, dass seine eigenen Kinder ihm den Rücken zugedreht hatten. Mit seiner Freude zusammen ging die Sonne unter und es ward wieder dunkel. Nur die Sterne der Phantome, leuchteten noch.

Sternenblatt und Wildmähne

Der Allereinzigste zog sich in dieser Nacht zurück und setzte sich auf einen Felsen. Traurig stütze er seinen Kopf auf seine Hände und weinte. Die Tränen tränkten einen jungen Spross, der aus dem Boden nahe dem grossen Baum ragte. Die Blätter regten sich und daraus spross Sternenblatt, die Edle. Der Allereinzigste sah sie an und freute sich an ihr. Die Sonne ging langsam auf, und Morgentau war gerade dabei dem Baum Wasser zu bringen. Da bat der Allereinzigste sie, Sternenblatt doch auch etwas abzugeben, aber nicht zu viel, um das junge Blume nicht zu ertränken. Und seither bringt Morgentau jeden Morgen Wassertropfen auf die Pflanzen.
Sternenblatt wuchs heran und der Allereinzigste kümmerte sich um sie. Doch sie war einsam, zerbrechlich und alleine. So entschloss sich der Allereinzigste ihr ein Gegenüber zu finden. Und so erschuf er Wildmähne, den Ungezähmten. Er legte ihn unter den Schatten des grossen Baumes. Und Sternenblatt und Wildmähne wuchsen heran zu einem Paar. Sie brachten in der Vorzeit alle Pflanzen und Tiere der Erde hervor und der Allereinzigste freute sich sehr daran. Die Verschiedenartigeit der Geschöpfe war überwältigend gross, dass Wildmähne und Sternenblatt nicht mehr alles überblicken konnten. So setzten sie ihre Söhne und Töchter, als Herrscher über die Natur ein. Sternenblatt und Wildmähne zogen auf der Erde umher und genossen ihr Reich.

Die Erschaffung des Gläsernen Volkes

Der Allereinzigste enschloss sich, für sich selber auch ein Gegenüber zu erschaffen. So rief er die Grossen Vier zusammen und sprach: „wieder einmal brauche ich euch, damit ich durch euch Leben formen kann.“ Die Elemente fragten ihn: „hast du nicht schon die Phantome erschaffen? Waren die nicht gut genug?“ Der Allereinzigste aber sprach: „Ich werde mir eine Frau erschaffen.“ So formte er aus der Erde mit Wasser Feuer und Luft einen riesigen Glaskristall nach seiner eigenen Form und hauchte ihr seinen Atem ein. Doch das Glas zersprang und fiel in tausende Stücke die den Berg hinunterfielen. Der Allereinzigste folgte ihnen bis ganz unten an den Hang des Heiligen Berges. Da beobachtete er die Splitter. Jeder von ihnen Trug sein Abbild und Leben war in ihnen. So entstand das Gläserne Volk, aus dem die Menschen stammen. Der Allereinzigste baute ihnen am Fuss des Berges eine Stadt, und besuchte sie jeden Abend. Und so fand er nicht nur ein Gegenüber sondern viele.
Eine Sphinx fragte einmal ihren Lehrmeister: 
„Wieso konnte sie nicht bestehen? Wieso konnte der Allkönnende sich kein  Gegenüber schaffen?“
„Wie konnte sich der Allereinzigste selber erschaffen, wenn vor ihm nichts war?“ gab der Lehrer als Antwort zurück.

Schattenfluchs Rückkehr

Das Gläserne Volk wuchs und wuchs, ebenso wie sich die Kinder Wildmähnes und Sternenblatts und die der Elemente sich vermehrten. Doch der Tag kam, an dem Schattenfluch sich zurück sehnte nach dem Palast, und der Zeit als er noch Lichterpracht war. Er schickte dem Allereinzigsten einen Boten, der diesem übermittelte, Lichterpracht würde seinen Dienst wieder antreten und dem Allereinzigste huldigen. Als Tribut würde er ihm ein riesiges Fest machen, bei dem die ganze Welt anwesend sein soll. Doch Schattenfluch regte im Herzen den Wunsch den Allereinzigsten bei dieser Gelegenheit vom Thron zu stossen. Der Allereinzigste freute sich über das Geschenk und nahm an, obwohl er die Pläne Schattenfluchs erkannte und liess ihn dennoch gewähren. Schattenfluch zog durch die Lande und suchte sich Gefolgsmänner, die sich seiner Sache anschlossen. Als er zu Wildmähne und Sternenblatt kam, schickten diese ihn zu ihren Kindern, den diese seien nun verantwortlich für die Natur. Bei vielen der Tiergeister traf er auf offene Ohren. Sie waren darauf aus, ihre Stärke zu zeigen und sahen darin eine Herausforderung. Jeder wollte stärker sein als die anderen Brüder. Unter ihnen waren die grossen Katzen, viele der Fische, der Insekten und Schlangen. Ab diesem Tage assen jene Fleisch und Töten um zu Leben. Die Pflanzen waren eher zurückhaltend. Doch zwei der Baumgeister die sich schon immer mit ihren Schwestern gestritten hatten. Die eine liess ihren Pflanzen Dornen und giftige Blätter wachsen, und die Pflanzen der einen wuchsen verschlingende Äste, welche die anderen Bäume erwürgen konnten. Die Natur war fest miteinander verbunden. So konnten sie sich nicht einigen ob sie Schattenfluch nachfolgen wollten, also gingen sie zu Wildmähne und Sternenblatt, und fragten diese um Rat. Doch als es darum ging, sich für die Fronten zu entscheiden spaltete es Tier und Pflanzen, doch nicht gleichmässig, da Sternenblatt und Wildmähne zusammen aufgewachsen waren und fest ineinander verwurzelt. So konnte der eine nicht ohne den andern sein. Seither zerfällt die Natur.
Der Allereinzigste spührte den Zorn der Natur. Und suchte sich unter den treuen Phantomen einen weiteren Wächter aus. Und er trug ihm auf, die Stadt des Gläsernen Volkes vor den wilden Tieren zu bewachen, denn es sollte vom Bösen verschont werden. Und die Gläsernen regierten in Namen des Allereinzigste die Erde, und die Phantome waren ihre Diener und Beschützer.
Schattenfluch suchte weiter und fand unter den Söhnen und Töchtern der Grossen Vier, den Elementen immer mehr Verbündete für den grossen Auftritt auf dem Heiligen Berg. Er züchtete sich mit deren Hilfe allerlei Monster und Schrecken heran, die er versteckt in der Wüste hielt. Der Allereinzigste sah seine Pläne und wurde traurig, aber noch immer liess er ihn gewähren. Er hoffte auf Schattenfluchs Abkehr.
Schattenfluchs Spione beobachteten täglich das Geschehen des gläsernen Volkes und wunderten sich, wie einfach es war, in die Stadt hinein zu kommen. So berichteten sie Schattenfluch davon. Erfreut über die Neuigkeiten verhüllte er sich und suchte die Stadt des gläsernen Volkes heim. Der Allereinzigste, der wusste was geschehen würde, liess überall in der Stadt verlauten, sich nicht auf Schattenfluch einzulassen. Doch es nützte nichts. Schattenfluch versammelte das Volk auf dem Stadtplatz und forderte es zur Revolution auf. Der Allereinzigste würde ihnen vorenthalten auf dem Berg zu wohnen, er würde ihnen nicht die Freiheit geben, sondern sie in der Stadt gefangen halten. Und alle glaubten ihm. Selbst die Treuesten unter ihnen, denn sie hatten Angst bekommen, und diese kannten sie vorher noch nicht. Schattenfluch sprach: „lässt er euch über die Erde herrschen, aber nicht im Thronsaal wohnen? So geht doch herauf und fordert euer Recht.“ Das Volk schloss sich Schattenfluch bei seinem Plan an und übergaben ihm die Herrschaft über das Reich, welches sie vom Allereinzigsten erhalten hatten.
So zog Schattenfluch heran mit allem Gefolge, den Tieren, Elementaren, dem gläsernen Volk und vielen Gestalten, die sich versteckt hielten, weil sie nicht erkannt werden wollten. Schattenfluchs Zug wurde herzlich im Thronsaal empfangen. Der Allereinzigste setzte sich und forderte Schattenfluch auf zu musizieren. Er hoffte noch immer, dass Schattenfluch die richtige Musik spielen würde. Anfänglich klang es himmlisch und perfekt, doch als sich sein wahres Herz in der Musik offenbarte, spielte er seine eigene Melodie. und die Dissonanz war nun viel boshafter als noch zuvor. Ein entsetzlicher Klang durchzog die Welt und riss sie entzwei. Wandelerd hielt sich die Ohren zu und zog dabei seine Schulterblätter auseinander, so dass der Boden um den Berg herum in sich zusammenfiel und die Erde aufspaltete. Feuer entzündete sich überall, die Tiere wurden wild und schlugen um sich, die Phantome und das gläserne Volk kämpften. Wasser peitschte auf alles ein und ersuchte alles zu ertränken. Die Winde packten die Säulen und schmetterten sie auf den Boden. Die treuen Phantome versuchten die Lage unter Kontrolle zu bekommen. Es eskalierte und es kam zum blutigen Krieg. Doch dann mitten im Chaos, brüllte der Allereinzigste mit mächtiger Stimme und liess alles feststehen, sogar die Zeit. Es war die Stille selbst, die ein Alles kontrollierte. Doch niemals sollte die Welt wieder so sein wie vorher.

Schattenfluchs Verbannung

Schattenfluch und sein Gefolge wurde nun endgültig vertrieben, auf die andere Seite des Grabens, der sich auf der Erde aufgetan hatte. Nie sollten sie jemals wieder Fuss auf heiligen Boden des Bergs setzen können. Der Wächter der Stadt des gläsernen Volkes war beim Erdbeben mit seiner Truppe in den Abgrund gestürzt. Als er so tief fiel, flog sein Körper schneller als sein Geist und so teilte sich sein Sein. So ist der Tod in die Welt gekommen. Was auch immer Geist und Körper geteilt hat, wollte von da an Tod sein und auch hinunter in den grossen Graben fallen. Von da an wacht der Wächter als Tod. Und lässt, in der Tiefe, um den Berg herum wandernd, kein lebendes Wesen hinauf zum Palast des Allereinzigsten, auf den Heiligen Berg.
Eine der Töchter Himmelkleids, welche an diesem Tage beim Tanzen im Palast war wurde bei den Klängen Schattenfluchs dermassen aus dem Rhythmus gebracht, dass sie taumlete und tollpatschig die Sanduhr des Zeitenwend vom Tisch schlug. Die Uhr rollte den Hang hinunter, rollte über die Klippen, noch bevor sich der Spalt im Erdreich ganz auftat und zerschellte an einem Felsen. Und so wurde die Zeit vergänglich und unwiderherstellbar. Seither läuft ewig neuer Sand heraus und so entstand das Sanddünenmeer, welches noch bis zum heutigen Tag in ständiger Bewegung ist.
Die Grossen Vier waren erzürnt über ihre Nachkommen, und so wurden die Elementare, jeder seinen Taten entsprechend, bestraft. Die Söhne Lodergluts, Die übereifrigen Flammen wurden ins innere der Erde vertrieben. Wenn die sich freikämpfen gibt es Vulkane. Himmelkleids Winde gefesselt in Höhlen am Himmel. wenn sie sich freikämpfen gibt es Stürme. Die Wellen wurden vom Land verbannt. So trocknete die Erde aus. Doch das Meer wollte nicht, dass die Lebewesen noch weiterhin von ihm Tranken und so wurde es bitter und salzig. heute versucht es immer wieder an Land zu kommen. Es sind die Wellen, die gegen die Klippen prallen. Ewig warten sie am Ufer und lauern in der Tiefe. Zum Glück waren nicht alle Nachkommen von Morgentau so böse und Wasser ist immer noch Lebenspender, auch wenn es schwierig zu finden ist. und die Wellen, welche im Land geblieben sind tränken noch heute alles Tier und alles Volk. Wandelerd wurde dermassen erschüttert, dass er seither immer wieder beim Gedanken an den Klang Schattenfluchs erzittert. Noch heute spürt man diese Erdbeben. Einige seiner Nachkommen hörten auf über die Erde zu wandern, die meisten zersprangen oder Vergruben sich in der Scham und wandern nun als Erzadern durch den Boden.
Der Allereinzigste wollte grade die Stadtmauern des Gläsernen Volkes wieder aufbauen. Als Schattenfluch auftauchte. Der Allereinzigste forderte ihn an zu gehen. Listig wie Schattenfluch geworden war sprach dieser: „Wenn ich nun nicht mehr bei dir am Fusse des Bergs sein darf, wieso dürfen es dann die Gläsernen tun? Wenn du mich verbannst musst du auch sie verbannen! Sie haben sich gegen dich erhoben!“ Der Allereinzigste war bestürtzt darüber und verfluchte Schattenfluch und seine Phantome. Die treuen Phantome des Heiligen Berges bauten eine Brücke über den Spalt zwischen den Welten und das gläserne Volk schritt darüber. Als das Volk auf der anderen Seite angekommen war, zerfiel die Brücke. Doch noch an diesem Tag schwor der Allereinzigste, sein Volk wieder zurück zu holen. Sein Gegenüber sollte wiederhergestellt werden.
Auf der anderen Seite angekommen regierte Schattenfluch die Erde, denn die Gläsernen hatten ihre Herrschaft an ihn abgegeben, und er liess sie verdorren. Seine Phantome zogen im Ödland umher und suchten sich in Höhlen, Sümpfen und in Felsen neue Behausungen. Diese Orte sind bis zum heutigen Tage verflucht. Das Volk der Gläsernen verstreute sich auf der ganzen Erde. Über die Jahre hinweg verblasste die Klarheit ihrer Körper uns sie verfärbten sich mit den Farben der Erze, welcher über den Boden in die Pflanzen und Tiere kam. So entstanden die Stämme der Menschen. Schattenfluch, der immer noch gekränkt wegen seiner Verbannung war, liess seinem Zorn freien Lauf, und es freute ihn, die Wesen, die des Allereinzigsten Abbild trugen, zu Kriegen untereinander aufzuhetzen. Ein Volk unterdrückte das andere, denn sie waren nun in Schattenfluchs Reich, er Herrschte.

Als der Gelehrte der Fleisshände aber die Geschichte der Entstehung der Welt zu Ende erzählt hatte, war das Staunen des Starkfaust noch viel grösser. Und er konnte nicht verstehen. Da sprach er: „Ich habe viel gehört was mir bekannt war. Denn die Phantome kenne ich auch der Erzählung, die Tiere habe ich selbst gejagt und auch von den Elementen wurde mir berichtet. Doch wozu braucht ihr etwas was höher ist, als alle diese? Was vermag dieser Allereinzigste zu wissen, was nicht das Feuer weiss?“ Doch der Gelehrte verstand ihn nicht. Da sprach Starkfaust erneut: „habt ihr denn noch nie vom Orakel des Feuers gehört?“ Da erzählte ihm Starkfaust die Geschichte des Orakels des Feuers:

Das Orakel des Feuers

Es kam aber so, dass in einer Nacht, als die Schüler der Schule der Gelehrsamkeit um das Feuer sassen und sich eine unter tausenden von Fragen stellten: „Wo aber kommt ein Lebewesen hin, wenn es vom Feuer verzehrt wird?“ Da wusste keiner eine Antwort. Loderglut aber, der Herr der Feuers hatte den Fragen gelauscht und sprach aus den Flammen heraus: „Erst wird es Teil von mir selbst, und dann, wenn ich ihm alles Leben entzogen habe, speie ich es hinaus, und es wird von meiner Schwester Himmelkleid, Herrin der Winde, hinweg getragen, hinunter in das Tal des Todes.“ Da waren die Gelehrten erstaunt, dass das Feuer zu ihnen sprach und sie stellten ihm immer neue Fragen. Loderglut aber beantwortete sie alle, doch ein jedes Mal zeigten die Flammen ein anderes Gesicht von ihm, den er hat viele Gesichter. Es war Morgen geworden und das Feuer fast erloschen, da die Gelehrten stets Fragen stellten, anstatt neues Holz zu suchen. Als sie aber erkannten, dass sie mit jedem Holz, dass sie ihm opferten, ihn grösser und seine Stimme lauter machen konnten, erbauten sie auch ihm in der Schule an der Stelle, wo sie Gedankenfels ausgegraben hatten, einen Tempel. Darin steht bis zum heutigen Tag der Altar der Immerwährenden Flamme, das Orakel der Völker.

Doch kaum hatte Starkfaust fertig erzählt, da entgegnete ihm der Gelehrte der Fleisshände: „Wieso das Feuer befragen? Ist es nicht des Feuers zu verschlingen und verzehren? Zu verwüsten und verletzen? Wäre es da nicht besser auf die Wächter zu vertrauen? Hat nicht der Allereinzigste einen guten Wächter über die Geschichte gestellt, um alles aufzuschreiben, um uns berichten zu können? Das was war, was ist, und was kommt?“ Und so erzählte er die Geschichte von Pilgerschrift, dem Wächter der Geschichte:

Pilgerschrift und der Spiegel

Pilgerschrift aber war nach Schattenfluch das kunstvollste unter den Phantomen, und er setzte sich als Ziel, die Göttin Reinherz zu malen, doch seine Augen waren nicht klar genug um sie zu sehen. Und je mehr er versuchte die Wahrheit zu zeigen, desto mehr malte er sich selbst hinein. Das Bild wurde glasklar und ward wie ein Spiegel. Der Allereinzigste sah, wie bemüht Pilgerschrift war, genau zu sein, und wie er treu immer wieder begonnen hatte und nicht aufgab. Und so ernannte er ihn zum Wächter der Geschichte. Er sollte alles, was er sah in der Welt, erfassen in Schrift und Bild. Und so berichtet er den Menschen, die da suchen nach Wahrheit, was er gesehen hat von Anbeginn der Zeit.

Doch kaum hatte der Gelehrte vor Starkfaust ausgesprochen, widersprach ihm ein andere Gelehrte: „Ist es nicht so, dass Pilgerschrift genau dieses Werk selbst zerstörte? So hört diese Geschichte:

Doch schon bald erkannte Pilgerschrift, dass er nicht alles so aufzeichnen konnte, wie er es tun müsste um der Geschichte gerecht zu werden. Er zerschlug den Spiegel der Wahrheit in tausend kleine Teile, die er im ganzen Text verteilte. Unterschiedlichste Grössen. Einige hart und gefährlich, andere wunderschön und fein geschliffen. Man kann die ganze Wahrheit nur erkennen, wenn man sie alle findet, und auch dann darf man nicht vergessen, dass es ein Spiegel ist. Und deshalb kann nur darin erkannt werden, was schon beim Betrachter ist. Und dennoch hoffte Pilgerschrift einige Dinge zu verstecken, welche der Leser erfahren würde.

So erzählten ihm an jenem Abend in der Stadt der Fleisshände die Gelehrten diese und viele andere Geschichten, und Starkfaust selbst wusste nicht weniger zu berichten. Und sie erzählten bis es wieder Morgen war. Als die Gelehrten in den Tempel des Allereinzigsten gingen blieb Starkfaust in der Bibliothek stehen und dachte den ganzen Tag über die Geschichten nach, und er verstand nicht, da er mit seinem Kopf zu verstehen versuchte.

Starkfaust und der Heilige Jäger

Doch schnell vergass Starkfaust diese Gedanken, und erinnerte sich wohin seine Reise führen sollte. So packte er seine Sachen denn sein Schicksal rief ihn wieder weiter in Richtung Süden zu ziehen, hinunter zum Lande der Löwenhaar. Doch am Ende des Tempelareals, da sah er einen Krieger auf den Weg. Er war gross, kahlköpfig und hatte die kräftigsten Arme, welche Starkfaust je gesehen hatte. Starkfaust aber dachte bei sich: Er muss ein Kämpfer sein, der seine Dienste gegen Sold anbietet. Da fragte ihn Starkfaust: „Möchtet ihr mich begleiten zum Fürsten der Löwenhaar? Ich könnte eine Wache wie euch gebrauchen.“ Doch der Krieger lehnte ab: „Ich kann nicht. Auch wenn ich möchte. Ich stehe im Dienste des Tempels.“ Verdutzt schaute ihn Starkfaust an. „Wozu braucht denn ein Tempel solch starken Krieger wie den, den ich vor mir sehe?“ „Ich bin im Orden der Heiligen Jäger, ins Leben gerufen durch Fürsten Treudank, dem Riesentöter.“ Starkfaust aber wurde neugierig: „Was für ein Riesentöter?“ Der Krieger lächelte stolz und fragte: „Kennt ihr denn den Erbauer der Stadt, in der ihr euch aufhaltet, nicht? Habt ihr nie von seinen Taten gehört? So ist es also Zeit, dass ihr vernehmt, was Jener Grosses geleistet hat.“ Und so erzählte er Starkfaust von Treudank, dem Riesentöter:

Treudank, der Riesentöter

Es war aber zu jener Zeit, als meine Vorfahren, in dieses Land kamen. Sie stellten ihre Zelte am Fusse des Steingerippengebirges hin, und dort weideten auch ihre Tiere. Doch als die Nacht kam, da wurden sie vom Stamm der Eiferhände aus den Bergen überfallen. Sie waren wehrlos gegen jene, denn keiner von uns wusste mit Schwert oder Speer umzugehen. Der Magier Flammenblick aber, welcher damals die Fleisshände führte, bildete unter ihnen eine Miliz, und ein Jeder der Zelt, Frau, Kind und Tier hatte, musste auch fortan eine Waffe tragen. Uns so konnten sie sich schon bald verteidigen. Doch die Zeiten wurden dunkler und die Eiferhände bauten in ihren Grotten Heiligtümer für die Phantome. Und so kam es, dass wie zu den Tagen des Fürsten Dämmerlichts von Dämmerfels die geopferten Menschen für die Phantome zu Bestien wurden. Und schon bald polterten die Riesen und Oger von den Felsklippen hinunter ins Tal. Der Magier Flammenblick rief den Allereinzigsten um Hilfe an, denn er war alt geworden und hatte vieles seiner Macht verloren. Der Allereinzigste hörte seine Bitte und suchte unter dem Volk nach einem Kämpfer, den er zum Kriegsfürsten machen konnte, aber er fand nur Feiglinge. Doch dann drang Musik an sein Ohr, wie er sie seit dem Lichterpracht nicht mehr richtig musizierte, sondern Schattenfluch wurde, nicht mehr klingen hatte gehört. Er folgte den Tönen und entdeckte so den jungen Treudank, welcher mitten in der Nacht ausserhalb seines Dorfes sass und auf seinem Instrument spielte. Da verweilte er und lauschte dem Spiel, bis Treudank müde war und einschlief. Der Allereinzigste aber sandte den Magier Flammenblick, um Treudank zum Fürsten der Fleisshände zu ernennen. Und Flammenblick zeigte ihm die Geheimnisse der Magie und so erlangte das Instrument Treudanks seine Zauberkraft und so wurde das musizieren zur heiligen Pflicht. Denn nur in ihr, so sagt man sich, kann das reine Herz eines Menschen gesehen werden. Dieses reine Herz sollte fähig sein, die Gesetze zu halten und gute Neue zu erschaffen.
Doch das Volk wollte nichts davon wissen, denn ihre einzige Sorge waren die Bestien der Eiferhände. Sie forderten Treudank auf, die Gefahr zu beseitigen. So kam es, dass Treudank sich auf die Jagd nach den Riesen machte, denn Keiner wollte ihn begleiten. Doch auch er hatte Angst, und als er in der Nacht vor der Abreise nicht schlafen konnte, spielte er auf seinem Instrument. Da erschien ihm der Allereinzigste und verzauberte ihn. Treudank stand am nächsten Morgen auf und siehe da, seine Angst war weg, und ihm war Kraft gegeben. Und er jagte die Riesen und Oger, bis er sie alle getötet oder aus dem Land der Fleisshände vertrieben hatte. Da zogen sich die Eiferhände in die Gebirge zurück, und Treudank schaute, dass ihre Heiligtümer für die Phantome der Vorzeit zerstört wurden, damit nicht neues Übel erschaffen werden konnte.
Flammenblick, der Magier aber starb und man begrub ihn unter dem Tempel der Stadt der Fleisshände, welche zu Ehren des Fürsten Treudank erbaut wurde. Treudank aber regierte gut über die Fleisshände. Doch er kam alleine nicht an gegen die Horden neuer Monster, welche Schattenfluch stehts züchtete und gegen sie in den Krieg schickte. Und so gründete Treudank, als er alt war, den Orden der Heiligen Jäger, diese sollten das Land von den Kreaturen des Schattenfluch stets säubern.

Zartklang, Treudanks Frau

Und so stark Treudank im Kampf gegen die Bestien war, so schön war seine Frau Zartklang in ihrem Aussehen und ihrer Stimme. Doch auch dies war ein Geschenk des Allereinzigsten. Denn dieser erfreute sich so an der Musik, welche Treudank allezeit auf seinem Instrument vortrug. Die Tiefen der Angst bis hin zu den Freuden des Sieges, alles war in seinem Lied. So verwandelte er eines Nachts Zartklang, die Frau des Treudank und gab ihr die schönste Stimme, die je ein Mensch in Sichtreich hatte. Denn was einst Schattenfluch, als er noch Lichterpracht hiess, zu musizieren vermochte, das konnte nun Zartklang. Doch sie war nicht überheblich, noch eigensinnig, und nur zur Musik des Treudank sang sie, und so wurde das Singen ein Bestandteil der treudank’schen Tradition, wie es noch heute ist.

Klugstreit, Sohn Treudanks

Als er satt an Tagen war wurde, sollte einer seiner Söhne Fürst an seiner Stelle werden. Doch seine Söhne stritten sich immerzu, und ein Jeder liess verlauten, dass er keinen seiner Brüder als Fürst anerkennen würde und so drohte das Reich in der Hand der Fleisshände zu zerbersten. So entschied sich Treudank, seine Söhne im Kampfe zu erproben. Er kündigte einen Wettkampf an, wessen Sieger und einziger Überlebender der neue Herrscher werden sollte. Ein jeder ging und trainierte an seinen Waffen. Der eine den Säbel, der andere die Messer, der nächste die Lanze, ein weiterer den Speer und der andere das Schwert. Doch Klugstreit, der Jüngste unter den Brüdern, zog sich in sein Studierzimmer zurück und dachte sich: Wie soll ich mich denn beweisen? Habe ich denn nicht den Kampf stehts verweigert? lieber sass Klugstreit am Marktplatz und hörte die Geschichten der Erzähler, oder im Tempel und lauschte den Worten der Priester, oder aber im Zirkel der Mystiker und achtete auf ihre Lehren. Doch was nutze ihm das Wissen. So ging er hin zu seinem Vater und berichtete ihm: "Grosser Fürst über den Stamm der Fleisshände, hocherhabener Hörer vom Allereinzigsten, lieber Vater. Ich bitte dich, lass mich nicht gegen die Anderen antreten, denn ich kann und will ihren Tod nicht. Lieber bleibe ich als Sklave am Hause des Fürsten, als Fürst durch den Tod meiner Brüder, oder Tod durch dieselben." Verwundert fragte Treudank: "Was hast denn du als Diener dem Hause des Fürsten anzubieten? Wenn du nicht kämpfen kannst?" "Ich kenne die Weisheiten aus Geschichten, Lehren und heiligen Worten. Ich verstehe es zu Denken, bevor ich handle." Der Fürst aber antwortete nichts mehr und wartete bis auf den Tag des Wettstreits. Da erschien ihm Traumgesicht mit der Nachricht, er solle von seinem Plan den Wettkampf durchzuführen ablassen, und Klugstreit zum Nachfolger ernennen. Als aber alle versammelt waren und die Söhne gewappnet zum Kampf, liess er verlauten, das der Wettkampf nicht stattfinden würde, und Klugstreit neuer Herrscher werde. Doch Klugstreit, der die Kampfeslust in den Augen seiner Brüder erkannte sprach: "Lieber bleibe ich Diener am Hause des Fürsten, denn ich kann nicht kämpfen gegen unsere Feinde", denn er wusste, dass er in Gefahr war vor den eifersüchtigen Bürdern. Da trat der Älteste von ihnen hervor und schrie: "Dann bin ich der Fürst, den ich bin der Stärkste!" Doch sofort stürzten sich die Brüder aufeinander und kämpften. Und sie alle erlagen ihren Verletzungen. Dann aber sprach Treudank: " Klugstreit, du sollst der neue Herrscher sein, den du verstehst es zu verhandeln, Nichts zu überstürtzen und deine Feinde gegeneinander zu hetzen." So wurde Klugstreit zum Fürsten der Fleisshände.

Dies alles erzählte der Krieger vom Orden der Heiligen Jäger, am Stadttor von der Stadt der Fleisshände. Doch Starkfaust wollte noch mehr hören, denn er liebte die Geschichten der Mächtigen, ihren Kriegen und Taten. Denn wie sie wollte er sein. Deshalb war er unterwegs nach zu den Löwenhaar und in seinem Herzen brennte das Feuer, selbst Herrscher zu werden. So bat er den Krieger, fortzufahren mit der Geschichte von Klugstreit. Und so erzählte er:

In der ersten Nacht, als Treudank aber gestorben war, stand Klugstreit auf seiner Terasse und betrachtete den Mondhimmel und seuftzte, denn er wusste nicht, wie man ein Volk regiert. Da erschien ihm ein Phantom im Nebel, der den Schrei seines Herzens gehört hatte und fragte ihn: "Was kann ich dir tun, oh grosser Fürst der Fleisshände, hocherhabener Hörer vom Allereinzigsten? Ich gewähre dir und jedem Herrscher über ein Volk einen Wunsch." "Ich wünschte, ich wäre so klug wie Gedankenfels, doch nur der Allereinzigste kann mir diese Klugheit geben, denn selbst Gedankenfels ist nur ein Gott, erschaffen aus Menschenhand." Das Phantom aber war erstaunt über die Rede des Klugstreit und gewährte ihm den Wunsch. Und so wurde Klugstreit zum klügsten Mann in Sichtreich und er führte die Fleisshände in ein goldenes Zeitalter. Er baute den Tempel aus und bildete die grösste Bibliothek aller Zeiten und er verbündete sich mit seinem Geschick und Wissen mit den anderen Herrscher der anderen Völker und Stämme. Und so erhielt er alles was andere Herrscher von dem Phantom gewünscht hätten: Reichtum, Ansehen, Macht und Stärke. Doch er musste nicht Kämpfen mit dem Säbel, den Messern, der Lanze, dem Speer oder dem Schwert, sondern mit dem Wort des Verstandes.

Starkfaust und Wegetausch

Diese Geschichte aber gefiel Starkfaust sehr, und er bedankte sich bei dem Krieger. Dann aber zog Starkfaust weiter, denn er hatte noch eine lange Reise vor sich. Beim Marktplatz aber suchte er nach einer Gruppe von Händlern, welche sich aufmachten durch das Sanddünenmeer und über die Messerklippen hinunter ins Gebiet der Löwenhaar. Und so kam es, dass er auf Wegetausch traf. Dieser nahm Starkfaust gastfreundlich auf, und liess ihn mit seiner Handelsgruppe mitziehen. Und schon am nächsten Morgen verliessen sie die Stadt in Richtung Südosten.

Tage der brennenden Sonne vergingen, und da das Wasser knapp wurde, suchte Wegetausch Karawane Zuflucht bei den Oasen. Die Tiere ruhten sich dort des Nachts aus und die Händler sassen beim Feuer und erzählten sich die Geschichten ihrer Väter und Vorväter, Assen, Tranken und Lachten. Doch dann wurde Wegetausch ernst und sprach: „Schon bald überqueren wir an einer Stelle das Tal der Toten. Und ich bitte euch, vorsichtig zu sein, nicht dass die Totengeister unten in der Tiefe uns hören und uns holen.“ Die Händler aber murmelten vor sich hin. Doch Starkfaust kannte die Geschichten um das Tal der Toten nicht und so fragte er danach, und da erzählte ihm Wegetausch die Geschichte der Totengeister:

Die Totengeister

Zwiegestalt, der Stärkste der Phantomen wurde vom Herrscher des heiligen Bergs zum Wächter über die Stadt der Gläsernen erwählt und bewachte mit seinen Trupp die Tore. Als er aber beim Fall der Welt in den Graben stürzte, da teilte es seinen Geist aus seinem Körper und er starb. So kam der Tod in die Welt. Und Zwiegestalt ist der Tod und herrscht über das Totenreich und bewacht den Aufstieg zum heiligen Berg. Sein Trupp durchstreift seither als Totengeister den Graben.
Die Zeit aber kam, als Schattenfluch die Totengeister zu verführen versuchte. Und er ging zu ihnen hin und sprach: "Wollt ihr hier warten, bis die Zeit der Lebenden abgelaufen ist? Geht hin und trennt ihren Geist aus ihren Körpern und macht sie so zu Sklaven des Totenreichs." Mordgier, der Sohn des Schattenfluch war der Stärkste unter den Totengeistern und rannte los und tötete viele unter den Menschen. Und sie nannten ihn „Todeskling, der Entzweier“. Da schritt der Allereinzigste ein und sandte einen Diener um Todeskling die Augen auszustechen, so irrt er seither blind durch die Wüsten, und nur noch selten findet er ein Opfer.
Eine Sphinx fragte einmal ihren Lehrmeister: 
"Wieso hat der Allereinzigste den Todeskling nur blind gemacht, hätte er ihn nicht einfach umbringen wollen?"
"Kann denn das Tote noch sterben?" fragte dieser zurück.
Schattenfluch, welcher erzürnt darüber war, das der Allereinzigste seinen Plan vereitelte, kam zu Leichenzeig, dem schnellsten unter den Totengeistern und lehrte ihm das Mal des Todes. So zog Leichenzeig los und zeichnete es mit seinen Fingernägeln leuchtend auf die Stirn der Menschen. Dieses konnte nicht mit normalen Augen gesehen werden. Todeskling aber, welcher keine Augen mehr hatte konnte es erkennen und fand nun wieder viele Opfer unter den Völkern. Wer das Mal des Todes trägt, ist gekennzeichnet von Leichenzeig, dem steht der Tod kurz bevor. Die Phantome aber sehen es mit dem inneren Auge als eine Schrift, in leuchtenden Buchstaben auf der Stirn des Gezeichneten. Die Menschen aber sehen, wenn überhaupt, nur die Krankheit, welche in Folge auftritt. Der Allereinzigste aber war erzürnt über Schattenfluchs Werk und sprach zum Entzweiten: "Deine Phantome wurden von Schattenfluch verführt und zerstören die Völker welche sie einst zu beschützen hatten." Der Entzweite aber sprach: "Was soll ich tun? ist es denn hier nicht Schattenfluchs Reich? Was bringt es ihnen, wenn sie auf deine Worte hören?" So stritten sie sich über die Seelen derer, welche in den Abgrund schweiften. Schlussendlich einigten sie sich und schlossen ein Abkommen ab, welches aber nur sie Beide wussten. Sie sandten einen Abgeordneten zu Schattenfluch mit einem Vorschlag, einen Richter über den Streitfall des Machtanspruchs über die Toten zu stellen. Wenn jemand sich ganz klar gegen die Herrschaft des Allereinzigsten stellte, konnte ihm nach diesem Beschluss nichts helfen. Ansonsten aber dürfe niemand frühzeitig von Todeskling erschlagen werden. Schattenfluch nahm den Vorschlag an, denn es war ihm ein Leichtes die Völker erneut zum Aufstand gegen den Allereinzigsten zu führen. Und So wurde Sterbenspakt von den Totengeister ausgewählt, den Rechtsstreit der Toten zu führen. Erst wenn das Mal des Todes durch Leichenzeig auch Sterbenspakts Siegel trägt, durfte Todeskling zuschlagen.
Doch auch jetzt noch sorgt Schattenfluch immer wieder für Unrecht. Denn Todeskling ist gierig, Leichenzeig übereilig und Sterbenspakt bestechlich. Und Schattenfluch kennt ihre Schwächen.

Und dies war die Geschichte, wie sie Wegetausch in jener Nacht erzählte. Und alle waren still, bis einer von ihnen sprach: „Aber wozu müssen wir uns dann in Acht nehmen? Kann uns der Tod hier mehr ereilen als andern Orts?“ Wieder murmelten alle. Bis Wegetausch sprach: „Du hast Recht, Todeskling ereilt uns vielerorts. Leichenzeig kann uns auch überall das Mal des Todes aufs Gesicht schreiben. Doch ists der Wiederkehrer, wessentwillen ich mir Sorgen mache, denn von ihm erzählen die Völker, die Nahe am Spalt in der Welt, am Tal der Toten, wohnen.“ Und dann erzählte er vom Wiederkehrer:

Ein Weiterer der Totengeister, konnte es nicht ertragen im Totenreich zu verweilen und kletterte durch die Gänge an die Oberfläche. Die Risse und Spalten laufen nämlich in einem Netzwerk von Höhlen, welche unterirdisch tausende von Meter laufen als ein Tunnelsystem zusammen. Dieses ist auch mit demjenigen Verbunden, welches von den Gläsernen während des grossen Sandsturmes auf Dämmerfels erbaut wurden. An diesen Adern werden die Gräber der Beduinen angebracht. Als der Wiederkehrer unterwegs an die Oberfläche durch diese Tunnel kletterte, fand er die Leichen der Menschen. Ihre Geister waren unterwegs in die Tiefe, in die Stadt der Toten, doch ihre Körper lagen vor ihm in den Gräbern. Da richtete er sie auf und liess sie als Sklaven vor sich her gehen. Als er aus den Gräben kam hatte er ein Heer von Untoten, welche die Erde durchzogen und Angst und Schrecken verbreiten. Der Wiederkehrer schickt nun immer wieder die Köper der Toten, vor allem die der Verbrecher zurück ins Land der Lebenden. So begannen die Beduinen bei den Beerdigungen die Türe zur Aussenwelt hin zu verriegeln, damit die Toten nur noch hinunter in die Risse wandeln können. Ebenfalls ist es wichtig, die Gräber gut zu versiegeln, damit nicht die Leichenfresser anlockt werden. Leichenfresser und Untote werden oft verwechselt, sind doch die einen Geister und andere nur Körper, doch jagen sie oft zusammen Lebende, welche da sind Körper und Geist.

Und die Händler fürchteten sich ab der Geschichte, welche Wegetausch erzählte in jener Nacht. Einer der Händler aber sprach: „ Wegetausch, Meister der Reisen, ist es denn wahr, wie berichtet wurde, dass es eine Handelsroute hinunter zu der Stadt im Tal der Toten gibt?“ Wegetausch aber sprach: „Es gibt eine sehr alte Geschichte davon.“ So erzähle er die Geschichte von den Händlern im Totenreich, die sich so anhörte:

Die Händler im Tal der Toten

Der Entzweite aber erbaute tief unten im Tal der Toten eine Stadt für seine Phantome und als Ruhestätte für die Verstorbenen. Die Stadt der Toten wird sie von den Lebenden genannt. Doch wer sie betritt, kann sie nicht mehr lebend verlassen.
Eines Tages aber kamen die Händler des Fürsten Dämmerlicht vom Dämmerfels den Berg hinunter um in die Stadt der Toten, mit dem Entzweiten zu verhandeln. Dämmerlicht nämlich wollte seinen Vater Dämmerfunke von den Toten zurückholen und überbrachte als Tauschware vielerlei Geschenk, Gold und Edelsteine. Doch der Entzweite lachte die Händler und ihre Wahren nur aus. Nie wieder sollten sie zurückkehren in ihre Häuser unter den Lebenden. Da aber entdeckten die Totengeister die Lampen der Händler und nahmen diese an sich, denn diejenigen, die nicht an die Oberfläche durften, hatten unten in der Tiefe das Licht schon lange nicht mehr gesehen. Doch schon bald war das Öl der Lampen ausgebrannt und die Totengeister waren erbost. Die Händler boten ihnen an, neues Öl zu holen und dann zurück zu kehren. Sterbenspakt willigte ein und liess sie vom Wiederkehrer an die Oberfläche führen, unter der Bedingung, dass sie nach einem Jahr des weiteren Lebens mit neuem Öl zurückkehrten. Einer der Händler aber dachte in seinem Herzen: Nie wieder werde ich zurückkehren in das Totenreich, und machte sich davon. Als aber die Totengeister bemerkten, dass einer der Händler nicht zurückgekommen war, sandten sie Leichenzeig aus, um ihm das Mal des Todes auf die Stirn zu ritzen. Und schon bald hatte ihn Todeskling eingeholt und entzweit. Seither aber ist er dazu verdammt als ölsuchender Untoter die Wüsten zu durchziehen, um die Lichter der Stadt der Toten am Brennen zu halten. Seither aber werden als Grabbeilagen immer Vorräte von Öl dazu getan, um den Toten im Jenseits eine Erinnerung an das Sonnenlicht zu schenken.

Und auch diese Geschichte des Händlers Wegetausch versetzte alle in grosses Staunen. Starkfaust, welcher in jenen Nächten bei ihnen lagerte war ein gebannter Zuhörer. Und die Bilder der Totengeister bewegten sich in seinem Kopf, so dass er den Rest der Nacht kaum richtig zu schlafen vermochte. Und so stand er auf, um etwas die Ruhe der Nacht zu geniessen. Die Händler waren in ihren Zelten und um das Feuer tief eingeschlafen. Der Mond aber lockte Starkfaust hinaus in die Wüste, wo er sich in den Sand setzte und die Sterne betrachtete. Viel hatte er von den Mystikern gehört, dass in den Sternen die Figuren der Elemente, Tiergeister, Phantome und Götter zu sehen seien. Und wer sie zu deuten vermochte, konnte die Zukunft erblicken und kein Geheimnis sei vor ihm verborgen. Und er dachte sich aus, wie es wäre, wenn all die Sterne nur um ihn drehen würden, und er die Sonne wäre. Und alle Elemente, Tiergeister, Phantome und Götter auf ihn gerichtet seien. Dabei schlief er ein.

Überfall auf das Lager des Wegetausch

Schon bald wurde er von einem grellen Schrei geweckt. Er fiel in den Sand und sofort war er wach. Und als er sich aufrichtete und hinter sich im Lager die Schatten sah, fürchtete er sich. Vorsichtig schlich er sich im Schutz der Dunkelheit ans Lager heran. Seine Augen mussten zusehen, wie Schreckgestalten der Nacht aus den leblosen Kadavern der Händler Blut tranken. Bei dem Anblick drehte sich Starkfausts Magen um. Denn solch abscheuliche Dinge hatte er noch nie gesehen. Er schlich sich um die Zelte herum, bis er seinen Bogen fand. Schnell kletterte er auf einen der Bäume der Oase. Mit donnerndem Kopf beobachtete er das Lager. Fünf Gestalten waren es. Starkfaust konnte nicht ausmachen, ob es Leichenfresser oder Untote waren. Und als er seine Pfeile anschaute geriet er in Angst, denn er hatte nur noch genau so viele Schüsse wie von den Kreaturen zu sehen waren. Nun wusste er, dass ein Jeder treffen musste. Und so schoss er mit zitternder Hand gezielt in die Köpfe der Bestien. Und eine jede der Kreaturen sank im Aufschrei zu Boden. Und so war es nach wenigen Augenblicken des Lärms wieder völlig still.

Nachdem er das Lager durchsucht hatte, musste er feststellen, dass er der einzige Überlebende war. Auch die Tiere waren tot oder in die Wüste geflohen. So suchte er sich im Lager, was er an Nahrung und Trinkwasser mitnehmen konnte zusammen und machte sich auf den Weg südlich, bevor noch mehr von den dunklen Geschöpfen auftauchen konnten.

Starkfausts Nacht an Flammenblicks Tor

Und so wanderte er einige Tage den Felsen des Steingerippengebirges entlang. Und er vergass die Schrecken jenes Angriffs einwenig. In der einen Nacht aber, als er sich hinlegen wollte, hörte er das Heulen der Raubtiere und er suchte ein Versteck. Er kletterte die Felsen hinauf, bis er auf einem Plateau, von dem er Aussicht über das ganze Gebiet hatte, legte sich hin um zu Schlafen. Und als er am nächsten Morgen aufwachte fand er sich inmitten vieler Menschen, welche in weissen Gewändern in der Sonne sitzen und meditierten. Schnell richtete sich Starkfaust auf und schaute sich um. Ein jeder der Menschen war völlig ruhig in sich selbst, und er erkannte, dass er bereits in der Nacht nicht alleine gewesen war, sondern umgeben von Menschen. Und soweit er schaute, fand er keinen von ihnen, der die Augen offen hatte, und alle atmeten so ruhig wie der feine Wind auf den Dünen aussen in der Wüste. Starkfaust wunderte sich und suchte jemanden, der ihm sagen konnte, wo er hier war, denn nie zuvor hatte er einen solchen Ort gesehen. Und er kletterte noch etwas weiter hinauf und da fand er riesige Steine, welche bemalt und beritz waren mir vielerlei Schrift. Doch Starkfaust verstand sie nicht, denn es waren nicht die Zeichen, welche Gedankenfels der Schule der Gelehrsamen lehrte, sondern jene, die er Machtwerk zeigte. Und niemand konnte ihm sagen, was die Zeichen bedeuteten, denn keiner, egal wen er ansprach, gab Antwort, denn jeder war in tiefer Meditation. Allmählich aber wurde Starkfaust zornig, denn er wollte das Geheimnis des Ortes wissen. Und als er die Menschen betrachtete kam ihm der Gedanke, sich selbst hinzusetzen um zu sehen, was den Leuten hier widerfahre. Erst sträubte er sich dagegen, doch dann siegte seine Neugier. Er setzte sich und wartete.

Doch die Ruhe war unerträglich, wie auch die Hitze, der Hunger und die Zeit. Und dennoch hielt Starkfaust so lange stand, bis es wieder dunkel wurde. Sein Körper legte sich hin und schlief, doch sein Geist sass immer noch aufrecht da und wartete. Er war hell wach und beobachtete, was um ihn herum geschah. Da erkannte er eine dunkle Gestalt, welche mit Umhang und Kapuze bedeckt durch die Reihen ging. Auf dem Rücken Trug sie etwas wie ein Joch und daran waren leuchtende Kugeln, wie Glas und doch wie Wasser. Und bei einem jedem nahm die Gestalt eine der Kugeln und leere sie in den Geist desjenigen Menschen. Als sie aber neben Starkfaust angekommen war, schaute Starkfaust, ob er dessen Gesicht erkennen könnte, doch es war zu dunkel. Da fragte er ihn: „Wer bist du, Geist der Nacht?“ Die Gestalt aber hielt inne und sprach: „Kennst du mich nicht? Ich bin es, Traumgesicht, der Traumträger.“ Traumgesicht aber ging unentwegt weiter durch die Reihen und erzählte dabei seine Geschichte:

Traumgesicht der Traumbringer

Gläserne Volk aber wurde durch die List des Schattenfluch vom Fusse des Heiligen Bergs vertrieben. Und so gelangte das Quellwasser des Berges nicht mehr in ihre Stätte. Und so waren sie stets des Nachts von bösen Träumen heimgesucht. Da erwählte mich der Allereinzigste aus den Reihen seiner Phantome als Traumträger. Ich sollte am Teich beim Lebensbaum Wasser holen. Und dann, wenn es dunkel ist, hinunter kommen vom Berge und allen Menschen davon bringen. Im Schlaf soll ich damit ihre Seelen erfrischen. So wurde ich zum Wächter über die Träume. Doch nicht nur das. Denn ich bin auch der Überbringer von Botschaften. Doch oft werde ich falsch verstanden, denn die meisten Menschen lassen ihr Geist des Nachts auch ruhen, wie den Körper, und wenn sie am Morgen aufwachen, wissen sie nicht mehr was ich ihnen berichtet habe. Doch nicht jeder Traum überbringe ich, denn Leichenzeig, mein Bruder, ist eifersüchtig. So oft er unterwegs ist, um das Mal des Todes auf die Gesichter der Schlafenden zu ritzen, so entzieht er allen an denen er vorbei kommt die guten Träume. Er ist der Alptraum selbst.
Und viele Träume werden auch von meinem Sohn regiert, der in mir lebt.

Und so erzählte Traumgesicht dem Starkfaust in jener Nacht die Geschichte von Liebestraum:

Liebestraum, Sohn des Traumgesicht

Des Nachts, wenn ich den Völkern die Träume bringe, schaue ich auf zu Sternenglanz, der Frau welche für die Menschen der Nachthimmel ist, die über mir lächelt. Ich liebe ihre sanfte Stimme, die nur ich zu hören vermag. Ich, der ich den Träumen so nah bin. Und so stieg ich eines Nachts empor zu ihr, und sie wurde meine Geliebte. Und unsere Liebe geriet in das Traumwasser, das ich den Schlafenden einflösse. Sternenglanz aber wurde Schwanger und sie gebar Liebestraum. Er hat ein Gesicht wie die Nacht und Haare gewellt wie die Träume. Doch es gab keinen Ort, wo er leben konnte, denn die Phantome am Nachthimmel Sternenglanzs verspotteten ihn als Bastard, die Frauen der Menschen hingegen verfielen alle seiner Schönheit, sodass er vor ihnen flüchten wollte. Da übergab ich ihm den Schlüssel zu meinem Reich, und seither streift er durch die Träume.
Es kam aber so, dass Liebestraum nach einer Frau suchte. Allen, denen er im Traum begegnete, stellte er die Frage, wer denn die schönste Frau der Erde war, aber alle antworteten ihm, es seinen die Töchter Sternenblatts, der Edlen. Und so sandte er Jeden, der aus dem Träumen aufwachte, in die Wälder zu gehen und die Blumen zu suchen und ihnen zu berichten, sie sollen sich doch in das Land der Träume aufmachen, um mit Liebestraum zu tanzen. Und nach einiger Zeit kam Jede von ihnen zu ihm, doch keine war ihm in Schönheit ebenbürtig. Doch Liebestraum wartete vergebens auf die Letzte, denn sie hielt nichts von seinem sagenumwobenen Anblick. Und er weinte in Einsamkeit. Und alle, die da träumten, spürten seinen Schmerz. Narrentrunk, Sohn Schattenfluchs aber, stehts im Rausche und so auch in meinem Reich störte sich dermassen an Liebestraums Weinen, dass er sich entschloss, ihm die Letzte der Töchter Sternenblatts zu bringen, damit er endlich wieder glücklich würde. Doch auch er konnte sie nicht überzeugen. Denn Goldblüte war so eitel wie sie auch schön war. Da brachte ihr Narrentrunk aber eine von den verbotenen Früchten und als sie davon ass, verfiel sie in tiefen Rausch und schlief ein. Da fing sie Liebestraum auf, und sie tanzten den ganzen Traum durch, bis sie wieder aufwachte. Darauf trafen sie sich jede Nacht wieder, und ihre Kinder waren die Mondblumen, und Jeder, der ihren Duft einatmet, versinkt sogleich in tiefen Schlaf. Narrentrunk aber freute sich sehr darüber und sammelte ihre Blüten und schenkte sie den Menschen. Und wer an diesen roch, dem wurde die Liebe von Liebestraum und Goldblüte zuteil. Doch viele wollten nicht mehr aufwachen, und nahmen so viel von den Mondblumen zu sich, dass ihr Körper nicht mehr aufwachte.

Starkfausts Tag beim Flammeblicks Tor

Dies war die Geschichte seines Sohnes, welche er Starkfaust erzählte. Und Starkfaust war entzückt darüber. Doch fragte er: „Wenn du eines der Phantome bist, wirst du mir sicher eine Frage beantworten können, welche mir die Menschen nicht beantworten können?“ Traumgesicht aber war verschwunden. Da fiel Starkfaust in tiefen Schlaf und erwachte erst am nächsten Mittag wieder. Als er dann aufwachte, bemerkte er, dass weniger Menschen da sassen als am Tag zuvor, und er sah am Rand der Klippe einige Menschen miteinander Reden. Er stand auf und ging hin zu ihnen. Sie schauten ihn an und sprachen: „Wieso hast du nicht die reine Kleidung an?“ Starkfaust aber sprach: „Ich bin ein Fremder, auf der Durchreise, ich kenne eure Kulte nicht, doch wollte ich mehr erfahren.“ Die Andern murmelten ernst vor sich hin, so dass Starkfaust besorgt wurde. „Besser du erzählst niemandem, dass du keine Fleisshand bist, denn dies ist eine heilige Stätte, und wenn ein Heiliger Jäger hier wäre, und dich sehen würde, wärst du schon längst tot.“ Starkfaust spürte immer stärkeres Unbehagen, und so entschied er sich zu gehen. Er kletterte vorsichtig den Felsen hinunter. Unten angekommen sah er einige der Leute in alle Richtungen ziehen. Endlich fragte er nach dem Sinn des Ortes. Und einer der Leute erklärte es ihm: „Dies ist eine heilige Stätte, erbaut vom Magier Flammenblick, und jedes Jahr versammeln sich Mönche aus ganz Sichtreich um die Sieben Prüfungen abzulegen. Eine davon ist das Meditieren von dreissig Tagen am Stück, ohne Essen, Trinken und Schlafen, doch noch niemals hat es einer geschafft. Weder die Mönche, die Priester, noch die Schamanen oder Magier. Doch es erinnert uns an unsere Geschichte und von der Rettung aus der Herrschaft der Löwenhaare.“ Starkfaust sagte, dass er genau dahin unterwegs sei, und so fragte er was es sich mit der Rettung aus dem Reiche der Löwenhaare auf sich hatte. Da erzählte ihm der Mönch die Geschichte:

Die Rettung der Fleisshände vor der Herrschaft der Löwenhaar

Es war aber zu der Zeit, in der Fürst Drohspruch Löwenhaar das Land Sichtreich fest im Griff hielt. Alle Beduinen und Nomaden hatten dem Fürsten Abgaben zu liefern und wer nicht bezahlen konnte, wurde als Sklave auf dem Sonnenfels, der Stadt der Löwenhaare verkauft. Auch die Fleisshände und andere Völker der Offenaugen fielen unter ihre Herrschaft. Schattenfluch freute sich darüber, das erwählte Volk in der Sklaverei zu sehen. Der Allereinzigste aber hatte sein Volk nicht vergessen und hatte schon einen Plan, es zu befreien.
Es kam nämlich so, dass Flammenblick, ein junger Mann aus dem Volke der Fleisshände die Magierprüfung der Löwenhaare bestand und in deren Orden der Mystiker aufgenommen wurde. Doch die Offenaugen verfluchten ihn dafür, dass er sich den Unterdrückern angeschlossen hatte. Und die Löwenhaare achteten ihn immer noch als Sklave und peinigten ihn immer zu. Beide Völker sahen in ihrem einen Feind, und versuchten ihn zu töten. Es heisst, dass er viele Jahre auf der Flucht in der Wüste umherzog. In dieser Zeit aber, wurden seine Augen geläutert und er wurde fähig zu sehen. Eines Nachts bemerkte er in der Ferne ein Licht. Neugierig machte er sich auf und kletterte über die Klippen, um die Quelle des Strahlens zu entdecken. Als er aber herangetreten war, sah er einen Feuervogel, welcher sich in den Ästen verfangen hatte. Flammenblick hatte Mitleid mit dem Tier und versuchte es zu befreien. Dabei aber verletzte er sich an den Stacheln der Sträucher und verbrannte sich die Haut an den Federn des Vogels. Als der Vogel aber frei war, schüttelte er sich. Und alles, was mit seinen Federn in Berührung kam, ging in Flammen auf. Da erkannte Flammenblick, dass es Loderglut war. Voll Ehrfurcht verbeugte er sich vor ihm. Und so wurde er Schüler des Feuers selbst und ihm wurde das Wissen über die Macht der Flammen gelehrt. Die Schüler, die er später unterrichtete, der Orden des Feuers, Zirkel von Mystikern, bewahren noch bis zum heutigen Tag dieses Wissen.
Mit dem Wissen um die Macht des Feuers kehrte er in die Stadt der Löwenhaar zurück. Er forderte den Fürsten Drohspruch der Löwenhaare zum Duell heraus, und forderte, sollte er siegen, die Freiheit seines Volkes. Es kam zu einem unvergleichbaren Kampf der Magie, doch zum Ende oblag Flammenblick und gewann so die Freiheit der Fleisshände wieder.
Schattenfluch war erzürnt über die Freiheit des erwählten Volkes und er hetzte die Löwenhaare zum Krieg auf gegen sie. Flammenblick wurde Anführer der Fleisshände und führte die Kämpfe an. Der Allereinzigste plante, die Fleisshände auf seinen heiligen Berg zu nehmen, und so sandte er Baupläne für ein Portal zu Flammenblick. Auf diesem Berg hier liess er dieses Portal errichten, während das Volk genau an dem Ort, an dem unser Fuss steht, gegen die herantrabenden Krieger verteidigte. Das Portal wurde fertig, doch bevor Flammenblick hindurch ging, kletterte er vom Berg hinunter um das Volk zu holen. Das Volk wollte hindurch, doch das Portal konnte nicht geöffnet werden. Es schien nur bei ihm zu funktionieren. Denn nur wer die sieben Prüfungen erfolgreich abgeschlossen hat, kann durch das Portal wandeln. Nur so kann man aus dem Reiche Schattenfluchs fliehen. Da entschied sich Flammenblick zurück zum Volk zu gehen und es an einen sicheren Ort zu geleiten und ihnen die sieben Prüfungen zu lehren, wie er einst von Loderglut erzogen worden war. Doch bis heute hat noch keiner die Prüfungen bestanden.

Dies alles erzählte der Mönch vor den Fels und Starkfaust verstand das Volk der Fleisshände ein Stück mehr, doch noch immer war es ihm fremd. Doch er wollte weiter nach Süden, zum Palast auf dem Sonnenfels zum Regenten der Löwenhaare. Und Starkfaust reiste von diesem Ort aus noch manche Woche.

Wegetausch erscheint Starkfaust

In der Nacht bevor aber Starkfaust zum Sonnenfels, gelangte, erschien ihm der Geist des Händler Wegetausch und warnte ihn:

Starkfaust, Ich bringe dir erschreckende Kunde. Dein Leben ist in Gefahr, so wie es das unserige war, und so möchte ich dir das Schicksal ersparen, dass uns widerfahren ist, und so bin ich gekommen, dich zu warnen. Wisse, dass du in jener Nacht als du die Bestien getötet hast, und wir hinuntergingen in die Stadt der Toten, siehe da begegnete mir ein anderer Geist, der auch unterwegs war in die Tiefen, und ich fragte ihn, wer er sei. Und er erzählte, er sei von den Eiferhänden, ich aber kannte dieses Volk wenig und er erzählte mir davon.

Die Eiferhände und die Phantome

Fleisshand und Eiferhand aber waren Brüder aus dem Stamme der Offenaugen. Sie aber waren beide sehr angesehen. Und genossen hohes Vertrauen weit umher. Fleisshand aber verehrte den Allereinzigsten und so wurde er gesegnet. Eiferhand aber sah dies und zweifelte: „Wie gross ist denn das Glück und die Gunst und der Segen, wenn sie aus solcher Unterwerfung kommt?“ Und er weigerte sich etwas anzubeten. Denn es wollte es so halten wie Offenaug es gelehrt hatte, dass kein Gott angebetet werde und kein Ding. Doch der Allereinzigste verlieh Fleisshand immerwährend Kraft und so wurde Eiferhand noch mehr betrübt. Und er entschied sich, auch Kraft zu bekommen. Er liess die Gelehrten kommen und erfragte diese, wer Macht und Kraft verteilen konnte. Und sie sprachen alle: „Die Phantome sind mächtig, doch wer vermag mit ihnen zu handeln?“ Als Eiferhand dies hörte lachte er in seinem Herzen, denn er war der beste Händler seines Stammes. So kam es, dass er hinausging ins Ödland und eine Stadt der Phantome suchte. Und noch auf dem Weg dahin stellte sich ihm eines in den Weg und sprach: „Sei gegrüsst, o hocherhabener Eiferhand, Sohn Offenaugs, wir haben deine Bitte vernommen und sind dir gewillt, Kraft zu gewähren.“ Das Phantom führte Eiferhand auf das Steingerippengebirge und zeigte ihm die Aussicht in die Nacht hinein und sprach: „Dies Land kann ich dir geben, denn ich habe es zu verwalten, und kann damit machen, was ich will.“ „Was muss ich dir dafür geben?“ fragte Eiferhand zurück. Doch das Phantom lächelte nur und sagte: „Ich möchte nur, dass deine Kinder mich anrufen in Zeiten der Not, und ich will ihr Beschützer sein. Denn ich sehne mich nach eigenen Kindern.“ Und so kam es, dass in jener Nacht der Pakt geschlossen wurde zwischen den Eiferhänden und dem Phantom.
Als mir dies der Geist unterwegs zur Stadt der Toten erzählte, ahnte ich noch nicht, welche Verstrickung mit dem unserigen und dem deinigen Schicksal damit gesagt wurde. Und er erzählte weiter von seinem Volk:
Und die Kinder Fleisshands und Eiferhands stritten sich über Jahrzehnte um das Land am Fusse des Steingerippengebirges, und an wem es war, es zu besitzen, da riefen die Eiferhände das Phantom an, mit welchem ihr Vater den Pakt geschlossen hatte. Dieses erschien ihnen und sie baten ihn um Hilfe im Kampf. Denn Krieg war aus dem Streit geworden. Und das Phantom sprach: „Gebe mir ein jedes Haus ein Kind und ich werde daraus einen Krieger machen, stark und gross, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat.“ Voller Freude gaben die Eiferhände ihre Kinder. Doch als sie sahen, wie diese dem Phantom geopfert wurde, wollten sie eingreifen. Doch das Phantom zeigte ihnen in einem Gesicht, wie Eiferhand mit ihm den Pakt geschlossen hatte, und so schwiegen alle entsetzt. Und aus den Verbrannten und verstückelten Kindern wurden die Bestien, Riesen und Oger, welche gegen die Fleisshände in den Kampf zogen. Und sie wurden die Helden der Eiferhände. Und die Eltern, welche ihre Kinder hergaben waren froh darüber im Anblick der zerstörten Stätten der Fleisshände. Und so waren die Eiferhände überlegen.

Die Jäger der Krummkrallen

Doch dann, als Treudank Anführer der Fleisshände wurde, wurden die Riesen gejagt, bis sie alle tot waren, und die Eiferhände erneut beim Phantom um Hilfe riefen. Und wieder erschien es ihnen und erneut willigten sie ein, zu opfern, doch dieses mal nicht nur einzelne, sondern ein ganzes Haus. Und dies war mein Haus, das Haus Krummkrallen. Und alle wurden zu Jägern, wild und schnell. Doch es waren keine Menschen mehr, sondern Bestien und sie zogen hinauf zu den Gipfeln der Berge. Und als die Fleisshände die Eiferhände in die Berge zurücktrieben befahl das Phantom den Krummkrallen, das Gebirge zu verteidigen. Und so wurden wir zum Verteidiger des Steingerippengebirges.
Es kam aber so, dass ich und ein Trupp meiner Mitjäger auf den Felsen Ausschau hielten, da erkannten wir Menschen an eine Oase in unserem Gebiet kommen. Wir aber warteten, bis alle schliefen und da stürzten wir und auf sie. Und sie waren leichte Beute für uns. Doch als wir dabei waren, das Blut von ihnen zu verzehren, da wurden wir von etwas getroffen, und sogleich verstarben wir. Doch unser Ruf gelang an das Ohr unseres Stammes, und sie werden das Blut an den Geschossen, welche uns getötet haben, verfolgen und den Besitzer töten, uns zur Rache.

Wegetausch warnt Starkfaust vor den Krummkrallen

Als dies der Geist fertig geredet hatte, erkannte ich Gefahr, welche dir droht, oh Starkfaust. Und ich beschwöre dich, deine Pfeile wegzuwerfen, auf das du deine Verfolger abhängst, damit nicht auch du wie wir aus dem Leben treten musst.

Als Wegetauschs Geist aber fertig geredet hatte, drehte sich Starkfaust ruhig im Schlaf um und sprach: „Wenn es auch hunderte dieser Biester wären, so werde ich erneut ein jedes von ihnen treffen, denn niemand stellt sich mir in den Weg.“ Und danach schlief er ein, so dass er am nächsten Morgen, als er auf den Sonnefels trat, nicht mehr wusste, ob es ein Traum gewesen war.

Starkfaust in Sonnenfels

Sonnenfels, die Stadt der Löwenhaar aber war gross, und prächtig waren ihre Türme, Märkte und Terassen. Doch das schönste war der Palast des Fürsten Kraftspruch vom Stamme Löwenhaar. Und zu Tausenden strömten sie herbei, von allen Landen Sichtreichs, um ihm Tribut zu bringen, ihm zu huldigen, oder ihn sogar anzubeten. Und als Starkfaust erkannte, dass es schwierig wäre, in den Palast zu gelangen, zog er sich zurück um einen Weg zu finden. Bis spät in die Nacht sass er in einer Herberge und unterhielt sich mit den Löwenhaar über den Fürsten. Einer hatte eine Geschichte zu erzählen, die Starkfaust auf eine Idee brachte. Die Geschichte, die ihm erzählt wurde lautete wie folgt:

Drohspruch findet Machterz

Drohspruch, der erste Mächtige der Löwenhaar, und Vorfahre des jetztigen Herrschers Kraftspruchs, war zu der Zeit, als die Herrschaft von Dämmerfels am Schwinden war, draussen vor seinem Dorf beim Brunnen, um Wasser zu holen. Denn dieses war seine Aufgabe. Und immerzu murrte er darüber. Denn lieber hätte er sich dem Studium der Sterne, oder dem Rätsel der Feuerkunst hingegeben. Doch er war nicht reich, und so arbeitete er als Wasserträger. Und dann in jener Nacht seines Schicksals war der Brunnen ausgetrocknet. So liess er sich an einem Seil hinunter, um tiefer zu graben. Doch das Wasser versickerte zu dieser Zeit sehr schnell, und so war er der Grund des Brunnens so tief, dass er von unten das Licht des Mondes und der Sterne nicht mehr sehen konnte. Da begann er zu graben, und siehe, der Stein unter ihm begann zu leuchten. Da wunderte er sich sehr darüber und nahm sich von dem Gestein und kehrte in sein Dorf zurück. Doch niemand schien zu verstehen was dies für ein Stein war. Von ihm ging eine Kraft aus und alle wollten erfahren was es mit dem Gestein auf sich hatte. Nur einer der im Dorfe war, ein Weiser aus dem Lande der Fleisshände, sprach: „Hast du denn das Zeichen am Himmel nicht gesehen? Dies ist ein neuer Sohn Wandelerds, der Erde selbst.“ Doch Drohspruch kannte die Zeichen des Himmels nicht und fragte: „Wie kann der Himmel Zeichen geben?“ Da erzählte ihm der Weise die Geschichte von Sternenglanz, dem Nachthimmel, und den Kindern Wandelerds:

Die Zeichen der Sternenglanz

Der Allereinzigste aber spannte den Himmel zum Anbeginn der Zeit aus. Sternenglanz ist die Schwester und das Nachtgewand Himmelkleids, und das Spiegelbild Wandelerds: jedes Phantom ist ein Stern und jede Stadt der Phantome ein Planet. Als aber die Menschen hoch schauten und dies erkannten, bauten sie ihre Tempel da, wo am Himmel die Sternzeichen waren. Und so suchten sie den Phantomen nahe zu sein. Den Himmel aber teilten sie in Kreise auf, da sie diese in entgegengesezten Richtungen drehen sahen, massen sie ihre Tage, Monate und Jahre danach. Denn so wie der Sand aus Zeitenwends Uhr rinnt, so drehen sich die Sterne im Kreis. Und die Sternbilder des Innersten Kreises waren die Grossen Vier. Und die des zweiten Kreises die Wächter und die weiteren Kreise die Tiergeister und zuletzt die Götter der Menschen selbst. Und alles hat eine Ordnung.
Als du aber heute dieses Gestein gefunden hast, siehe hinauf zum Himmel. Ist nicht ein neuer Stern inmitten des Zeichens von Wandelerd? Zuvor war er an anderer Stelle, kaum beachtet. Und heute Nacht leuchtet er hell.

Die Kinder Wandelerds

Die anderen Sterne im Bilde des Wandelerd, welche bisher erschienen waren sind: Die Tochter Zornerz, ein rotes hartes Gestein, aus ihm werden die schärfsten Klingen geschmiedet. Der Sohn Schönerz ist ein glattes eher seltenes Gestein, es kommt in verschiedenen Farben vor, wird oft für Schmuck verwendet. Die Tochter Freierz ist schwer zu bearbeiten. In der Natur ist sie weich und formbar, doch kaum setzt man zur Bearbeitung an, wird sie zäh und spröde und wird nicht mehr brauchbar. Der Sohn Furchterz ist ein dunkles Gestein, welches vor allem da hervorkommt, wo lange kein Licht hingeschienen hat. In Höhlen und Sümpfen, meist an verfluchten Orten. Die Tochter Krafterz ist das mit Abstand stabilste Erz von allen, wenn man sich der richtigen Herstellung bewusst ist, kann man daraus Stahl schmieden, welches den grössten Kräften trotzen kann. Daraus werden Panzer und Schilde geschmiedet. Die Tochter Klarerz ist ein schwer zu bearbeitendes Material. Denn es kann sein, dass es so rein vorkommt, dass es beinahe unsichtbar ist. Die Göttin Reinherz sei aus diesem Material erschaffen worden. Denn Reinherz sei so rein, dass man sie nicht mit einem anderen Stoff erschaffen hätte können. Die Tochter Klugerz ist ein rauer weisser Stein, welcher dazu eingesetzt wird stabile Gebäude zu errichten. Vor allem Monumentalbauten werden daraus gefertigt, denn er verkörpert die Weisheit. Der Sohn Glanzerz ist ein gelbes Gestein, welches oft in Kleider der Reichen eingearbeitet wird. es ist sehr kostbar. Dann wäre noch der Sohn Zweifelerz, das dunkelgraue Gestein, welches man besser meidet. Das Gestein, aus welchen Gedankenfels gemacht wurde hat auch einige Teile davon. Dann die Tochter Hoffnungerz, ein goldenes Metall, aus welchem viele Siegel und Zeichen geschmiedet werden. Und der Sohn Bittererz, ein weisser Fels, wessen Pulver einerseits tierische Instinkte weckte und andererseits süchtig machte. Immer wieder wurde er von Schattenfluch missbraucht, um Kontrolle über Seelen zu gewinnen. Wie bei der Entstehung des Geldes oder der Leichenfresser.
Doch dieses leuchtende Gestein in deiner Hand, auf das dessen Ankunft die Weisen gewartet haben, wird Machterz genannt, der zweitjüngste Sohn des Wandelerd, welcher heute hervortritt, und noch wissen wir nicht, was er zu bedeuten hat. Doch du hast ihn gefunden, Drohspruch. Wandelerd vertraut dir seinen Sohn an.

Drohspruch erlangt Macht

Das Dorf der Löwenhaar aber war sehr erstaunt über die Geschichte des Weisen aus dem Lande der Fleisshände. Und Drohspruch widmete sich dem Studium des Steines Machterz, doch was er auch versuchte daraus zu schmieden oder zu werken, es wollte nicht klappen. Und auch sonst schien es nichts zu bringen, es sei denn zum Schmuck. Eines Nachts, als Drohspruch erneut frustriert darüber war, dass er das Rätsel nicht lüften konnte, verfluchte er im Zorn seinen Arbeitstisch, und dieser fing sogleich an, sich in Luft aufzulösen. Da schrie er, erst aus Entsetzen, und dann aus Freude, denn er hatte nun verstanden. Jetzt wusste er, dass der Stein magische Kraft freisetzte. Und schon bald sprachen sich Geschichten von Drohspruch dem Zauberer herum, denn er beherrschte die Elemente, und sein Ruf eilte ihm voraus bis in den Palast des damaligen Fürsten in Dämmerfels, welcher ihn zur Unterhaltung in seinen Palast einlud. Und so geschah es, als Drohspruch sein Können zeigte. Er liess ein Feuer am Boden entzünden, und Scherben und Spitze Klingen darüber streuen und lief blossen Fusses darüber, ohne das ihm etwas geschah. Da war der Fürst hoch erfreut und als er ihn nach seinem Trick fragte, da lachte Drohspruch erfreut und sagte nur, dass es kein Trick sei. Da wurde der Herrscher zornig und liess ihn in den Kerker werfen. Und da blieb er lange. Und jeden Abend kam der Fürst zu ihm und befragte ihn erneut nach der Illusion. So kam es aber, dass er in seiner Torheit das Zauberstück selbst versuchen wollte und in den Flammen verbrannte. Und der Palast trauerte um ihren Fürsten. Doch dieser hatte keinen Nachkommen und so war der Hof voller Anwerber auf den Thron. Und sie berieten und stritten einige Tage über das weitere Vorgehen. Doch den Zauberer im Kerker hatte man längst vergessen. So sammelte Drohspruch all seine Kraft, auf das er durch die Gitterstäbe hindurch lief wie ein Phantom, und erschien der Versammlung. Als die Diener, Geschäftsmänner, Mächtigen und Priester ihn ansahen, gerieten sie in Angst, so dass sie sprachen: „Oh graus, es kann kein Fürst sein unter uns, ohne dass dein Zorn ihm gilt und schon bald wird er durch deine dunkle Kunst sterben. So sei du unser Herrscher an des toten Fürsten statt, und regiere du das Land, welches er zu regieren übte.“ Und so ging die Herrschaft aus der Familie des Machtwerk an die Löwenhaar weiter. Und so wurde Sonnenfels, in der wir hier sitzen, erbaut mit Palast, Burg und Schule der Magie.

Kleinheld, Sohn Drohspruchs

Sein Sohn und Nachfolger aber, Kleinheld war unfähig in Dingen der Magie, und auch wenn die Kraft Machterzs in im wirken konnte, vermochte er diese nicht zu kontrollieren. Und da er zum Herrscher von Sichtreich werden sollte, fürchtete sein Vater, das Reich in die Hände eines Versagers zu geben, denn wer nichts von der Zauberkunst verstand, war in seinen Augen nicht mehr wert als der nutzlose Pöbel. Und so schickte ihn sein Vater hinaus in die umher liegenden Dörfer, sich einen Namen zu machen als Held, und er solle erst zurückkommen, wenn man ihn als solchen ansah. Kleinheld aber zog an jenem Tag weg und war schlechten Mutes, denn nie würde er zurückkehren, dacht er bei sich. Und in das erste Dorf wohin er kam, rannte man ihm sofort entgegen, denn er trug die Kleider der Mächtigen, und sie sahen in ihm einen Zauberer. Und so berichteten sie ihm ihren Kummer. „Wenn das Dorf im Schlafe ist, so kommt ein Phantom aus der Steppe, klettert in einen Körper hinein und lässt diesen die ganze Wohnung zerstören und zu guter letzt treibt er den besessenen hinaus in die Wildnis, bis er im Wahnsinn aus dem Leben tritt.“ Kleinheld aber überkam es mit der Angst, als es dies hörte, doch sogleich zerrten sie ihn an einen Ort, wo solch ein Geist die letzte Nacht gewütet hatte. Wohl oder übel musste er sich umsehen. Es war aber eine riesige Unnordung. Die Decken und Teppiche waren in tausende Stücke zerfetzt, Tongefässe zerschlagen und sämtlicher Wandschmuck verwüstet. Die verrissenen Vorhänge wehten den Steppenwind hinein. Da entdeckte Kleinheld, dass auf sämtlichen Dingen dieselben Kratzspuren waren. Diese Aber sahen nicht aus wie von Menschen, sondern wie von einem Löwen. Das fragte er: „Kann es denn nicht sein, dass es bloss ein Löwe war?“ „Nein,“ bekam er von einem zur Antwort: „Denn wieso würde er alles zerstören? Würde er nicht die Beute schnappen und verschwinden? Und vor allem, wieso ist dann die Decke auch verkratzt?“ Und tatsächlich erblickte Kleinheld an der Decke die selben Spuren der Verwüstung.
Das Dorf aber hatte unterdessen die Kunde erhalten, dass ein Retter nahte und versammelte sich bei dem Haus. Und als sie alle auf ihn einredeten und sich schon im vorne hinein für die Heldentat bedankten, sah sich Kleinheld gezwungen, fort zu gehen und wenigstens so zu tun als würde er sich um das Phantom kümmern. Als er etwas abgelegen war vom Dorf und es dunkle Nacht war, suchte er sich einen warmen Ort um die Nacht zu verbringen, und darüber nachzudenken, wie er je wieder im Palast seines Vaters eintreffen sollte. Da hörte er, nicht weit von da wo er war eine Stimme sprechen. Und aus Neugier ging er dieser nach. So kam er an eine Höhle, in der ein Licht brannte. Er schaute vorsichtig hinein, und was er da sah, erfüllte ihn mit einem grausigen Schrecken. Es war ein Gestalt, doppelt so gross wie ein Mensch, doch mit dem Kopf und den Krallen eines Löwen, und als Füsse hatte er Hufe und doch war er wie ein Mensch und doch wie ein Phantom. Und hinter der Kreatur reihten sich als Wand, Totenschädel um Totenschädel. So schnell wie nur möglich schlich sich Kleinheld davon und versteckte sich hinter einem Hügel. Erschöpft sank er nieder und atmete tief durch. „Was ist denn das für ein Tier?“ sagte er zu sich selbst. Da hörte er eine Stimme die sprach: „Es ist ein Tiergeist, ein Sohn Krallenfürsts, eines Sohnes von Wildmähne, dem Ungezähmten, Herr der Wälder, Steppen und Täler.“ Vor Schreck stand Kleinheld auf und schaute um sich, doch niemand schien da zu sein. Die Stimme fuhr fort und erzählte ihm von den Tiergeistern:

Die Söhne Wildmähnes

Wildmähne, der Ungezähmte, teilte die Herrschaft unter seinen Söhnen, den Tiergeistern auf. Wie sie mit ihren Tieren unterwegs waren, nahmen sie über die Zeit ihre Form an, um sie anzuführen.
Der Erste unter den Söhnen Wildmähnes ist Krallenfürst, der Löwe. Er ist der Lieblingssohn Wildmähnes. Er herrscht über die Raubkatzen welche sich von Schattenfluch zur Jagd auf andere Tiere verleiten liessen. Der Grösste unter den Söhnen Wildmähnes ist Donnerwucht, sein Gefolge trampelt durch die Steppe, und wie er sind seine Tiere gross. Die grössten Geschöpfe hören auf seine Rufe. Er liess sich nicht verführen. Der flinkste unter den Söhnen Wildmähnes ist Fallenlist, die Schlange, auch er liess sich von Schattenfluch die Kunst des Jagens zeigen. Er ist der Hinterhältigste und seinen Tieren, den Schlangen und Krokodilen, zeigte er das Fallenstellen. Der verborgenste unter den Söhnen Wildmähnes ist Flossenfuss. Als er sah, dass auf Wandelerd der Platz und die Nahrung wenig war, verliess er mit seinem Gefolge das Land und bevölkerte die Gewässer. Seine Tiere sind die Fische und andere Wasserlebewesen. Der schnellste unter den Söhnen Wildmähnes ist Federpracht. Er rannte stehts umher, sprang hoch in die Lüfte und liess sich von Himmelkleid’s Töchtern mitreissen. So bekam er Flügel, und seine Nachkommen sind die Vögel. Der kleinste unter den Söhnen Wildmähnes bin ich, Kriechfüsser, der Skorpion. Ich versteckte mich oft und hatte Angst vor meinen grossen Brüdern, und meine Tiere sind die Insekten. Schattenfluch zeigte mir das Gift, und das Fallenstellen, das er auch Fallenlist gezeigt hatte. Und mein Gefolge, Spinnen und andere Insekten, trauen sich seither wieder aus dem Dunklen heraus.
Und dann als Kriechfüsser zu ende erzählt hatte, erkannte ihn Kleinheld. Er war ein Skorpion vor seinen Füssen. Und Kleinheld sprach enttäuscht: „Schade, dass du zu klein bist, um dieses Ding zu erlegen. Du bist mir also keine Hilfe.“ Da wurde Kriechfüsser zornig: „Ich und nicht helfen? Nur weil Krallenfürst der Lieblingssohn Wildmähnes ist, sind seine Kinder nicht stärker als ich. Denn nicht die Grösse ists, welche die Gefahr ausmacht. Und siehe: Nimm meinen Stachel als Dolch und gehe hin zu dem Sohn des Krallenfürsts und verletze ihn damit, und du wirst sehen, er wird sogleich an der Wunde sterben.“ Und genau so tat es Kleinheld.
Als er aber in die Höhle kam, sprang der Löwengeist auf ihn und zerkratzte seinen Rücken, da steckte ihm Kleinheld den Dolch in die Rippen, sodass er zusammenzuckte und sich humpelnd in eine Ecke der Höhle legte. Und siehe vor ihm verbarst der Körper der Kreatur und alle gefressenen Seelen stiegen aus dem Rauch auf und durchzogen die Schädelwand und verliessen die Höhle. Mit letzter Kraft schleppte sich Kleinheld ins Dorf und verkündete seine Tat. Sogleich sprangen alle herbei und versorgten ihn gut. Einige Tage später kehrte er mit Stolz und Titel in den Palast des Fürsten, seines Vaters zurück. Und als er die Stellung seines Vaters antrat stellte er den Dolch an einen Ehrenplatz. So begann die Waffensammlung des Fürsten.
Und seit Generationen wird jene Sammlung ständig erweitert. Und nur die Sagenumwobensten Waffen werden Teil von ihr. Und ein jeder der Regenten wartet nur begierig auf neue Stücke und ihre Geschichten.

Als Starkfaust dies in jener Nacht im der Herberge hörte, kam er auf eine Idee. Doch erst wollte er Schlafen, denn endlich war er auf dem Sonnenfels angekommen. Und so nah wie noch nie zuvor, seinem Ziel gekommen.

Starkfaust im Palast Kraftspruchs in Sonnenfels

Am nächsten Morgen ging er hin zum Palast des Fürsten Kraftspruch Löwenhaar und verkündete dem Torwächter: „Dies ist mein Geschenk, an den Hocherhabenen, Beherrscher der Landes Sichtreichs, eine mächtige Waffe.“ Und er zeigte ihm seinen Bogen, den er damals in der Schule der Gelehrsamkeit gemacht hatte, und mit welchem er die Kreaturen in der Wüste getötet hatte. Doch der Tormann sah ihn an und fragte etwas belustigt: „Was aber soll das sein? Ein Stecken mit einer Schnur?“ Starkfaust lächelte nur und sagte: „Siehst du dort durch das Tor, durch den Hof, unter dem Baume hindurch, über dem Brunnen am Fenster, in jenem Zimmer den Teppich an der Wand?“ Der Torwächter nickte verwirrt. „Siehst du auf jenem Teppich die fünf Kreise?“ wieder nickte der Torwächter. „Dann gehe hin und bringe mir aus diesen Kreisen meine Pfeile.“ Als er das sprach, zeigte er dem Torwächter einen seiner Pfeile. Und dieser verstand nicht: „Aber ihr habt ja die Pfeile hier bei euch.“ Doch in genau diesem Moment zielte Starkfaust und schoss fünf Pfeile durch den Garten des Palasts und der Torwächter rannte los. Doch der Garten war lang und so dauerte es eine Weile, bis der Wächter zurück kam, aber in Begleitung einer Frau. Diese aber war wunderschön, wie die Blüte der Lilie, und sie duftete wie ein Bach aus Rosen, und ihre Augen funkelten wie Glanzerz. Und als Starkfaust sie ansah war er um seinen Verstand gebracht und er fasste in seinem Herzen den Entschluss sie zur Frau zu nehmen. „Ich bin Glimmerglanz, Tochter des Fürsten, dem Herrscher der Löwenhaar und allen anderen Völkern Sichtreichs.“, stellte sie sich vor, und fuhr dann fort: „Und ihr habt meinen Wandteppich ruiniert, was Anlass war, mein Zimmer zu verlassen, um den Schützen zu sehen. Denn ich war ein Jahr lang in Trauer in meinem Zimmer und wollte die Welt nicht mehr sehen. Doch erst aus Wut, und dann aus Hoffnung verliess ich meinen Ort und stehe nun vor euch, Fremder. So höret aber meine Geschichte, damit ihr versteht, was dies zu bedeuten hat:“ Und da erzählte sie ihm ihre Geschichte.

Glimmerglanz und der Vogel

Es sollte aber so kommen, dass vor einem Jahr mein Vater Kraftspruch, der Fürst in mein Zimmer kam und sprach: „oh, Glimmerglanz, schönste unter meinen Töchtern, höre freudige Kunde, ich habe dir einen Mann gefunden unter den Mächtigen und Schönen. Es ist der Herrscher von Fernort, ein weiser und mächtiger Mann.“ Da freute ich mich, denn schon oft hatte ich Bilder gesehen von seinem Gesicht und Schriften Gelesen aus seiner Hand, und da dankte ich meinem Vater für die treffliche Wahl. Doch dann, am Tage vor der Vermählung als ich hinaustrat auf den Balkon, um den Abendhimmel zu betrachten, siehe da kam ein Vogel und schnappte sich meinen Schleier und flog hinauf zum höchsten Turm des Palasts. Und zu dieser Zeit war mein zukünftiger Gatte unten am Balkon um mich zu beobachten, und als er dies sah, trat er aus seinem Versteck hervor und sprach: „Oh du schöne Glimmerglanz, jener, der den Schleier holt, wird dein Mann werden.“ Und ich in meiner Freude: „Ich gehe in mein Zimmer und warte, bis ich ein Zeichen von meinem Retter habe, dass ich aufhoffen kann.“ Und so ging ich hinein ins Zimmer und wartete. Doch er kam nicht. Denn als er beim fünften Stockwerk war, glitt ihm seine Hand ab, und er stürzte. Und ich blieb in Trauer in meinem Zimmer und liess mir jeden Tag fortan das Essen herbringen, damit ich das Zimmer nicht verlassen musste, um meinen Eid zu halten.

Und Starkfaust war sehr erstaunt über ihrer Rede. Und fragte sie: „Und wieso habt ihr dann euer Zimmer jetzt verlassen? Habt ihr nicht geschworen, erst heraus zu kommen, wenn euer Retter ein Zeichen gibt, damit ihr aufhoffen könnt?“ Da erwiderte Glimmerglanz: „Ich habe ein Zeichen bekommen, nämlich fünf Holzstäbe in fünf Kreisen an meinem Teppich. Und ich bin sicher, dass diese auch meinen Schleier zurück bringen werden.“ Da war Starkfaust noch mehr erstaunt und fragte, ob dies denn nicht zu spät sei, denn es sei ja vor einem Jahr geschehen. Doch da sprach Glimmerglanz: „Eine jede Nacht kommt der Vogel erneut und singt mit dem Schleier zwischen den Krallen ein schreckliches Lied. So bleibe bis in der Nacht und erlöset mich von diesem Fluch. Starkfaust willigte ein und sprach zum Torwächter, er solle zum Abend hin den Fürsten holen, damit jener sehen konnte, wie er seine Tochter aus ihrer Schmach errettete.

Die Zeit bis zum Abend wollte nicht vorübergehen und das Herz quälte ihn im warten. Und so zog er unruhig durch die Hallen des Palasts, bis er vor einem Bild an der Wand stehen blieb und sprach: „Ist dies Gemälde nicht genau das was ich fühle? Ist das nicht genau den Schmerz in mir, und doch auch die Freude und das Lachen?“ Einer der Diener, der dabei stand sprach: „Dies ist ein Bild von Farbenfreud, welcher auch genannt wird der Sternenmaler.“ Starkfaust aber sprach: „Noch nie habe ich von ihm gehört.“ Der Diener stand etwas näher an ihn heran und sprach: „Wer seine Bilder verstehen will, der sollte seine Geschichte kennen, diese aber ist jene:“ Und da erzählte er ihm die Geschichte Farbenfreuds:

Farbenfreud der Sternenmaler

Es kam so, dass Farbenfreud in das Land Fernort kam. Er hatte ein klares Auge und ein gutes Herz. Dies erkannte der Allereinzigste und freute sich darüber. Eines Abends sandte er Traumgesicht los, ihm in vielen Träumen das Schöne zu zeigen. Als Farbenfreud aufwachte, erkannte er überall die Schönheit der Dinge. Egal wohin er kam, er wollte alles malen, was seine Augen zu Gesicht bekamen. So malte er die Bilder, welche die Paläste der Mächtigen hätten schmücken können. Doch er hatte keine Zeit mit den Mächtigen zu handeln, denn er war immerzu draussen in der Wildnis und malte die Tiere, Landschaften, Städte und Menschen und in der Nacht die Schönheit des Himmels, die Sterne und die Monde. Nichts vermochte ihn des Nachts von den Sternen fernzuhalten. Bis er eines Nachts eine musizierende Frau alleine in der Wüste fand. Er verliebte sich in sie und seit dieser Zeit waren sie gemeinsam unterwegs. Nach einigen Jahren aber, als sie mit ihren Kindern glücklich in einer Hütte im Tal des Flusses Plätscherwend wohnten. Da erzürnte es Schattenfluch, dass Farbenfreud immerzu die Schönheit der Welt malte, denn er konnte es nicht ertragen. Da entschloss er sich, zum Fluss hinab zu steigen um ihn zu wecken. Da brauste der Fluss los und trat über die Ufer bis er die Hütte des Malers eingedeckte hatte. Farbenfreud floh mit seiner Familie. Als sich das Wasser wieder legte, kehrten sie zurück zu ihrer Hütte. Als sie daran waren, die Bilder aus dem Schlamm zu ziehen kamen die Wellen erneut über die Ufer. Als sich die zweite Flut gelegt hatte beschloss die Familie endgültig weg zu ziehen. Sie fanden in der Nähe auf einem Hügel, wo die Töchter Himmelkleids immerzu umhertanzten ein unbewohntes Schloss. Das sie da nannten das Luftschloss. Hier sollten sie wohnen, sicher vor den Fluten. Farbenfreud entfernte den Schmutz von seinen Bildern und suchte in der Stadt nach einem sicheren Ort, wo er sie aufbewahren konnte, denn es waren so viele Bilder, wie des Nachts die Sterne am Himmel waren. Ein Kaufmann bot ihm an, sie in seinem Lager aufzubewahren. Farbenfreud nahm dankend an. Endlich konnte er sich wieder der Malerei widmen.
Da wurde Schattenfluch erzürnt über die wieder gewonnene Kraft in den Bildern Farbenfreud und zog los ihn zu vernichten. Doch der Allereinzigste sprach zu Schattenfluch: „Kehr um, du darfst Farbenfreud und seiner Familie nichts antun.“ Da suchte Schattenfluch einen Weg, Farbenfreud dennoch zu schaden. Er vernahm in der Stadt, dass Farbenfreud die Bilder beim Kaufmann lagerte. Und so kam es, dass Schattenfluch hinunter kletterte in die Tiefen der Erde und die Söhne Lodergluts rief. Die Flammen kamen aus dem Boden und verschlangen das Lagerhaus.
Farbenfreud aber war traurig, denn sein ganzes Leben hatte er in diese Bilder gesteckt. Schattenfluch hatte sich gedacht, er hätte Farbenfreud nun endgültig das Handwerk verdorben. Doch als Farbenfreud nicht aufgab, sondern erneut zum Pinsel griff, begannen die Farben zu leuchten und zu tanzen. Der Allereinzigste zeigte ihm noch mehr von dem Schönen als er jeh zuvor gesehen hatte, und seine Schaffenskraft verdoppelte sich. Er wurde über die Länder bekannt und die Herrscher von Fern und Nah schickten ihre Sklaven los, bei ihm Bilder zu kaufen. Doch sie bekamen nicht nur Bilder, sondern ein Teil des Himmelszeltes. So belohnte der Allereinzigste Farbenfreuds Treue. Schattenfluch aber sah ein, dass er verloren hatte und verliess Farbenfreud für immer.

Starkfaust und Kraftspruch

Als der Diener zu Ende gesprochen hatte, dankte ihm Starkfaust für die Geschichte und trat hinaus in den Garten. Und siehe, es ward bereits später Abend geworden und Alle waren versammelt. Auch der Fürst Kraftspruch stand dabei und beobachtete Starkfaust von einem Balkon aus und grüsste ihn mit einem Handwink. Starkfaust schaute hinauf zum Höchsten der zehn Türme und sah tatsächlich zuoberst den Vogel und den Stoff schimmern. Da nahm er die Pfeile, welche ihm einer der Diener wieder gebracht hatten und schoss. Doch der Erste prallte ab von der Mauer, der Zweite zog mit dem Wind davon, der Dritte zerfetzte im Gebüsch, der Vierte zerbrach noch in seiner Hand. Doch der Fünfte schnellte hoch und erwischte den Vogel, so dass er hinunterfiel und den Schleier direkt auf den Balkon Glimmerglanzs wehte. Und alle waren erstaunt und glücklich. Und Kraftspruch klatschte erfreut und liess ein Festmahl zubereiten. Und alle Grossen der Stadt waren eingeladen, denn ihnen allen verkündete er an jenem Abend freudig, dass seine Tochter nun doch heiraten werde. Starkfaust war überglücklich und schenkte Kraftspruch zum Dank seinen Bogen. Der Herrscher nahm ihn hocherfreut an und verschwand in der Waffensammlung, während Starkfaust mit dem Rest des Palasts feierte.

Starkfaust wird zum Fürsten

Und noch in dieser Nacht wurde Starkfaust zum mächtigsten Mann von Sichtreich. Denn schnell hatte er im Trubel seiner Abenteuer und der Geschichten, die ihm erzählt wurden, den Traum vergessen, indem ihm, der Wüste verstorbene Händler und Mitreisende Wegetausch, erschienen war, und ihn vor den Bestien gewahrt hatte, die ihn verfolgten. Und noch in derselben Nacht kamen diese Kreaturen der Krummkrallen. Sie waren dem Gestank ihres eigenen Blutes an den Klingen der Pfeile gefolgt, und schworen sich, den Besitzer des Bogens zu töten, um Rache zu nehmen. Und als die Bestien den Fürsten Kraftspruch mit dem Bogen sahen, da rissen sie ihm den Kopf ab und verspritzten sein Blut in der Waffenkammer. Und als die Diener nach ihm suchten, und ihn so fanden kam die Furcht über sie, und die Kunde bereitete sich aus im ganzen Lande, und wieder kam ein dunkler Schatten auf das Schicksal Starkfausts. Und sie baten ihn, der er nun nach ihrem Gesetz, durch die Verbindung von Glimmerglanz, neuer Herrscher war, fort zu gehen aus der Stadt, um den Fluch, wie sie glaubten, weg zu tragen an einen anderen Ort. Weg vom Sonnenfels. Und so zog Starkfaust mit seiner Frau und einigem Gefolge hinaus in die Wüste seiner Heimat und gründete Abendfels, die Festung des Starkfausts. Und wie er es geträumt hatte, regierte er von da aus viele Völker von Sichtreich.

Starkfaust und Gedankenfels

Doch viele der Völker schienen sich von ihm abzuwenden, denn sie fürchteten sich vor ihm, denn viel Tod war in den Geschichten, die sie über ihn hörten. Und so kam es, dass Starkfaust begann, mit eiserner Hand zu regieren. Und er fand keine Zeit für seine Frau Glimmerglanz, denn er war ständig im Krieg. Und er bildete seine Soldaten mit Schwert, Speer und mit dem von ihn erfundenen Bogen aus. Und er schmiedete ihnen Rüstungen, mit dem Wissen, über die Elemente, und so wurden sie fast unverwundbar, und kaum eine Armee konnte sich ihnen entgegenstellen. Doch die Rüstungen machten sie Träge, und die Reisen durch die Wildnis waren hart und dauerten lange. Und dies bekümmerte ihn, dass er sich in sein Studierzimmer zurückzog und nachdachte. Die Luft wurde aber dicht, so das er sich nach einem offenen Fenster sehnte, und dieses öffnete. Da erschien ihm ein Phantom und sprach: „Starkfaust, oh hocherhabener Fürst, gewaltiger Fürst von Sichtreich, auch dir werde ich einen Wunsch gewähren, dass du weißt, auch die Phantome bringen dem Herrscher ihren Tribut.“ Starkfaust aber war sehr erschrocken ab der Gestalt des Geistes, und musste sich erst davon erholen. Als er sich aber wieder gefasst hatte sprach er: „Oh Botschafter der Anderswelt, ich habe seit jenen Tagen in der Schule der Gelehrsamnkeit das verlangen mit Gedankenfels selber zu sprechen. So bringe mir, wenn du kannst, den Gott des Verstandes herbei, auf dass ich ihm einen Tempel baue, und er dort wohne, und ich ihn jederzeit um Rat fragen kann.“ Und sogleich ward das Phantom verschwunden. Und siehe, einige Tage vergingen, da riefen die Wächter der Stadt: „Siehe, Oh Herrscher Starkfaust, vor den Mauern stehen die Phantome, und mit ihren Ketten bringen sie dir einen Riesen aus Stein!“ da freute sich Starkfaust und schritt dem Tor entgegen und hiess Gedankenfels willkommen, doch dieser war missmutig, denn noch immer war er auf der Suche nach Reinherz und noch immer hatte er sie nicht gefunden. So brachten sie ihn an den Ort, wo der Tempel zu seinen Ehren gebaut werden sollte, und ketten ihn dort an. Und noch an diesem Tag sprach Starkfaust zu ihm: „Oh Verstand der Völker, sage mir, wie kann ich schneller die Wildnis durchqueren, um mein Reich zu verteidigen? Denn meine Männer können nicht Fliegen wie die Vögel.“ Da lachte Gedankenfels und sagte: „Bist du nicht der Erfinder der Dinge? Ich habe vernommen von deinem Bogen, den du mit Hilfe meines Wissens erschaffen hast. Und auch diesmal wirst du Grosses in die Welt bringen, was vorher nicht da war, und wieder wird man sagen: Starkfaust der Erfinder. Und nicht Gedankenfels der Gescheite. Aber was solls, so seit ihr Menschen eben.“ Und da offenbarte Gedankenfels ihm das Wissen über den Flug, und dazu erzählte er ihm folgendes:

Gedankenfels und die Söhne Lodergluts

Ich aber schritt auf der Suche nach meiner Frau Reinherz durch viele Höhen und Berge. Und da sah ich, nahe am Tal des Todes, dass die Felsen in der Luft schwebten. Und ich fragte mich, wie das sein konnte, da ich die Kräfte der Welt genau kannte. So trat ich heran und erkannte, dass im Stein etwas sein musste. Und ich sprach: „Wer bist du im Stein drinnen?“ Und es antwortete mir eine Stimme, die da sprach: „Ich bin ein Sohn Lodergluts.“ Und er erzählte mir von seinem Vater, dies aber tat er so:

Loderglut und das Feuer

Mein Vater, Loderglut ist es, der uns das Licht gibt, und die Kraft. Er bewahrt die Menschen von der Kälte und vertreibt das wilde Tier. Und nichts gibt es, was ihn zerstören mag, ausser seiner Frau Morgentau, denn sie hält ihn im Zaum.
Der Allereinzigste suchte sich unter den Grossen Vier jemanden, dem er das Feuer anvertrauen konnte. Da wurde Loderglut das Feuer übergeben. Er nahm es in seine Hände, und betrachtete es. Es war aber zu der Zeit noch keine Sonne und keine Sterne am Himmel, so dass das Feuer das einzige Licht auf der Erde war, und Loderglut ging nahe mit seinem Kopf an das Feuer heran, und sogleich verschlang es ihn, und er wurde das Feuer selbst. Und so sollte das Feuer zu einer Macht auf Erden werden, um Licht zu bringen, im Gegenzug aber fordert es immer Opfer. Das Erste Opfer war Loderglut selbst, und tausende sollten ihm Folgen, welche von den Völkern hingegeben wurden, im Tausch gegen Licht und Wärme.
Es war die Zeit, als das Gläserne Volk in die Wüste verbannt wurde. Die Nächte in der Wüste waren kalt, und die Tiere, verblendet durch die bösen Phantome, machten Jagd auf die Menschen. Da hatte Loderglut Mitleid mit ihnen, und wollte ihnen zur Seite stehen. So machte er sich auf, nahm die Gestalt eines Sterblichen an und brachte den Menschen das Feuer. Auch zeigte er ihnen das Öl, die Lampen und die Fakel. Und so durchzieht er noch heute die Länder, bis an den Tag, an dem alle Völker der Erde das Feuer besitzen.
Doch ich, ich elendes Element, bin hier gefangen durch eine Untat, welche ich vor Jahrtausenden begangen habe. Und statt meinem Vater auf seiner Mission beizustehen, die Erde zu erhellen, bin ich hier gefangen im Stein. Denn ich war dabei, beim Kampf um den heiligen Berg, als Schattenfluch den Krieg führte. Und Himmelkleid wollte nicht, dass ich so hoch in den Himmel komme, und die Wolken verbrenne, da verbannten sie uns in die Tiefen der Erde. Ins Gestein, dass uns unsere Vettern, die Erze halten an jenem Ort. Doch immer noch haben wir die Kraft, und kommen wir hervor, entzünden wir die Luft und töten die Lebewesen in unserer Nähe.
Als mir dies der Elementar erzählt hatte, kletterte ich auf den Felsen und siehe er trug auch mein Gewicht. Dies aber habe ich dir, oh Starkfaust, erzählt. Den Rest musst du selbst dazutun, denn ich bin dein gefangener Sklave und nicht dein freier Diener.

Und als dies Gedankenfels zu Ende geredet hatte, da hatte der Fürst Starkfaust bereits eine Idee und er machte sich auf in sein Studierzimmer, um Pläne zu zeichnen für Schiffe der Lüfte, die diese Söhne des Feuers in Ketten trugen, und so von ihnen hochgezogen würden. Und die Flügel des Vogels sollten sie auch haben, um durch die Luft zu rudern. Und so erschuf er die Luftgleiter. Er arbeitete Tagelang und so oft seine Frau Glimmerglanz ihn auch sehen wollte, hatte er keine Zeit für sie.

Die Flucht des Gedankenfels

Und kurz bevor er die Pläne der Luftgleiter zu Ende hatte, siehe da kam seine Frau Glimmerglanz an seine Tür und wollte zu ihm, doch er wimmelte sie ab, denn er habe nur noch eine kurze Zeit, bis er fertig wäre. Enttäuscht ging sie hinunter in die Stadt und schlenderte über den Platz, hinüber zur Baustelle des Tempels für Gedankenfels. Doch Gedankenfels war nicht mehr da, und es lagen toten Menschen an jenem Ort und so rannte sie in den Palast an die Tür ihres Mannes und sprach: „Oh Starkfaust, liebster Mann, höre was geschehen ist: Gedankenfels ist geflohen.“ Doch er hörte nicht zu, da er dachte, sie sei bloss gekommen, um ihn um mehr Zeit der Gemeinschaft zu erbitten. Da wurde Glimmerglanz zornig und ging in ihr Zimmer. Und erst als der Wachmann an die Tür des Füsten polterte und vom verschwinden des Gedankenfels berichtete, hörte er hin. Und sofort schritt er und die Palastwache hinunter zur Tempelbaustelle und siehe, die Wächter der Baustelle lagen alle erwürgt am Boden. Nur einer lebte noch und erzählte was geschehen war:

Die Sphinxen befreien Gedankenfels

Wir waren aber an der Baustelle und schauten nach dem Rechten, da bemerkte ich das Lächeln auf Gedankenfels Gesicht, und ich verstand es nicht, denn der Gott aus Stein schien sonst immer bekümmert und nachdenklich zu sein. Da fragte ich ihn: „Weshalb lachst du?“ Er aber antwortete nicht sondern fragte mich: „Kennst du denn die Sphinxen nicht?“ Und dann, weiss ich nur noch, dass ich den Kopf geschüttelt habe und den Rest sehe ich nur noch verschwommen. Da sah ich wie sich der Himmel verdunkelte und es waren Flügel am Himmel, Augen die mich löcherten und Fragen in meinem Kopf und ich sank zu Boden und die Krallen würgten mich. Und erst jetzt bin ich wieder bei mir, oh Starkfaust und sehe, dass Gedankenfels fort ist.

Als der Wächter dies erzählt hatte, war Starkfaust sehr nachdenklich und er verschwand in seinem Studierzimmer und immer wieder kam ihm die Frage in den Kopf, nach den Sphinxen. Und da er in seinen Büchern nichts fand, rief er seine Gelehrten zusammen und erfragte sie. Und tatsächlich wusste einer zu berichten. Es war aber ein Weiser aus der Schule der Gelehrsamkeit. Dieser erzählte ihm folgendes:

Die Geschichte der Sphinxen

Höre auf die Stimme der Vernunft, wenn ich zu dir spreche, oh grosser Herrscher und vergiss nicht, unsere Gemeinsame Zeit im Studium. Und dies Wissen erlangte ich in der Zeit, als du bereits ausgezogen warst in den Süden, deinem Schicksal entgegen. Denn zu jener Zeit kam eines Tages ein Fremder um zu berichten. Er war aber nicht in der Schule des Gedankenfels gewesen sondern im Ödland bei einer Sphinx, und er wusste vieles. Eines davon war über die Herkunft dieser Kreaturen, diese Geschichte aber erzählte er so:
Gedankenfels traf auf seiner Suche nach Erkenntnis auf Federpracht, den Vogel, Sohn Wildmähnes. Und er betrachtete dessen Flügel und fragte ihn, ob er ihm nicht voraus fliegen könnte um ihm zu berichten, was er sehe. Dieser weigerte sich jedoch, eine solche Aufgabe zu erfüllen. Auch war keines seiner fliegenden Tiere intelligent genug um das Gesehene zu berichten. Da erschufen Gedankenfels und Federpracht ein fliegendes Wesen, mit göttlichem Verstand. Es war die erste Sphinx und Lehrer aller Sphinxen.
Zuerst tauchten sie nur auf den unzugänglichsten Orten auf. Auf kantigen Bergspitzen, in abgeschiedenen Tälern. Einige der Weisen der frühen Zeit zogen zu ihnen hin um an ihrer Weisheit teilzuhaben. Denn die Sphinxen waren schon seit Ewigkeiten am Beobachten. Sie sahen und wussten alles. Doch wenn man sie nach etwas fragte, lösten sie die Frage indem sie eine noch grössere stellten. Diese gab vielleicht einen Hinweis auf eine Erklärung, eröffnete aber ein weiteres Tor mit Fragen. Wer also ein geübter Fragensteller war, konnte auf viele verborgene Dinge stossen, während ein schlechter Fragensteller schon bald erwürgt wurde. Denn eine Sphinx die eine falsche oder keine Antwort bekam, begann den Befragten fester zu umklammern und so zu erwürgen. Die Weisen, welche die Befragungen der Sphinxen, überlebt hatten, und mit ihren Erkenntnissen zurück in die Dörfer und Städte kamen wurden als Wegbereiter und grosse Denker angesehen. Auch wenn sie einen harten Preis dafür gezahlt hatten.
Eine Sphinx fragte ihren Lehrmeister: 
„Wird uns nicht auch der Fluch des Allereinzigsten treffen, wenn wir so viele Menschen ins Verderben gerissen haben?“
„Haben wir denn den Fragestellenden nicht das gegeben was sie wollten?“ antwortete der Lehrmeister.
Und da als mir der Fremde diese Geschichte erzählt hatte, da dachte ich in meiner Torheit, dass ich gewiss genug Verstand besässe, nicht in die Falle der Fragen zu treten und ging hinaus mit einem Netz um eine Sphinx zu fangen. Und ich brachte sie hinauf nach zur Schule, damit alle sie befragen konnten. Auch fing ich Sphinxen für andere Schulen und Bibliotheken im ganzen Lande. Denn von ihnen zu lehren war gut, auch wenn es gefährlich war. Und ich merkte erst zu spät, dass immer mehr Schüler spurlos verschwunden waren, bis ich erkannte, dass die majestätischen Tiere, nicht erduldeten, von uns ausgenutzt zu werden und sich unter uns so stark vermehrt hatten, dass sie bald an jedem Ort ihre Kinder hatten und uns beherrschten. Und so scheint es, dass sie jetzt ihren Herrn befreit haben, und ich, so scheint es, habe sie gezüchtet in den Brutstätten unseres Wissens.

Als der Weise zu Ende geredet hatte, wurde Starkfaust mit Zorn erfüllt und er ging hinein in sein Studierzimmer und wollte mit keinem mehr Sprechen, denn zu sehr musste er über Geschehenes nachdenken. Und wieder versuchte seine Frau Glimmerglanz mit ihm zu sprechen, doch er war nicht gewillt.

Jahre vergingen und die nun fertig gestellten Luftgleiter des Starkfaust brachten seine Truppen bis in die abgelegendsten Gebiete der Welt, und viele Völker unterwarfen sich ihm. Doch nicht jedes Volk ergab sich kampflos. Und so kam es zu grossen Kriegen in den Steingerippengebirgen, auf den Messerklippen und in den Nordlanden.

Glimmerglanz wird Glimmerkampf

Starkfaust war allezeit draussen auf dem Kriegsfeld, im Studierzimmer oder in der Werkstätte. Doch niemals hatte er Zeit für seine Frau Glimmerglanz, die Schönste unter den Menschenfrauen. Doch Starkfaust vernachlässigte sie so stark, dass sie sich fragte, was sie tun könne, um seine Aufmerksamkeit zu bekommen. Doch wie schön sie sich auch zurecht machte, sie konnte ihn nicht verführen. Deshalb weinte sie jeden Abend auf ihrem Balkon. Es kam aber so, dass eines Tages mit der Abenfluft ein Phantom hereinwehte und sie umhüllte. Es war aber eine Frau der Phantome, und sie war schön wie die Nacht und ihre Augen waren die einer Raubkatze. Glimmerglanz fragte sie schüchtern: „Wer bist du, edle Geister-Herrin?“ Das Phantom lächelte: „Ich bin es, Blickeslust, Tochter des Wächter Lichterprachts, als Phantom geboren, und von den Menschen zur Göttin gemacht.“ Glimmerglanz staunte und fragte: „Über was bist du denn Göttin?“ immer noch lächelte Blickeslust und sprach: „Die Kunst der Verführung ist meine Sache, und so bin ich Schutzgöttin der Dirnen und Liebhabern. Dein Klagen habe ich gehört und ich werde ihm ein Ende bereiten. Denn so schön wie du bist, Glimmerglanz, Tochter Kraftspruchs wird es ein leichtes sein, deinen Mann auf dich aufmerksam zu machen.“ Glimmerglanz schwieg und dachte nach. Doch dann sprach sie: „Alles habe ich versucht, doch er scheint mich nicht zu sehen. Nur Augen für den Krieg hat er und für seine Werke.“ Da lachte Blickeslust und wirbelte um sie herum, do dass sie zu einem Kleid für sie wurde, welches die Reize der Frau so zu betonen wusste, dass es in Sichtreich kein Mann geben könnte, der dem Anblick nicht verfallen würde. Und so ging Glimmerglanz auf ihren Mann zu. Doch noch immer hatte er keine Augen für sie. Und Blickeslust verstand nicht, wie der Fürst widerstehen konnte. Glimmerglanz weinte wieder, und so wandte sich Blickeslust an ihr grossen Bruder Mordgier Todeskling, und erzählte ihm von der Sturheit des Starkfaust. Doch Mordgier entgegnete nur: "Die Kriegskunst aber ist eine Kunst wie die der Verführung, wer sie nicht beherrscht, erkennt sie nicht." Bei diesen Worten aber kamen sie auf eine Idee. So übten sie Glimmerglanz im Kampfe, bis sie so stark war, dass sie mit ihren blossen Händen Krafterz zerbrechen konnte, und liessen sie vor Starkfausts Augen in den Krieg gegen die Eiferhände ziehen. Doch selbst als sie siegreich zurück kam, schien der Fürst nur Augen für seine Hauptmänner zu haben, und besprach mit ihnen die nächsten Kriegszüge.

Da wurde Glimmerglanz wütend und zog los, einen Jeden der Kriegsfürsten zu töten. Und Mordgier war die Todesklinge in ihrer Hand. Als sie in ihrem Zorn alle erschlagen hatte, erkannte Starkfaust seine Torheit und wollte Glimmerglanz zurück haben. Doch der Umgang mit den Kindern Schattenfluchs hatte sie verdorben und sie wünschte ihrem Mann nur noch die Einsamkeit, und zog weg. Seither streift sie mit dem Namen Glimmerkampf durch die Wüsten und schliesst sich mal diesem mal jenem Heer an, immer auf der Jagd nach Kriegsbeute, immer begierig jedes Kriegswerkzeug zu beherrschen. So wurde sie zur Göttin der Kriegskunst bei vielen Völkern, nicht aber Starkfaust.

Starkfaust plant die schwebende Stadt

Doch kaum hatte Starkfaust Zeit, um Glimmerglanz zu trauern, denn der Krieg wartete nicht und durch die Verluste durch sie hatte er nun alle Hände voll zu tun. Es kam nämlich so, dass die Weisen vor ihn traten und sprachen: „Oh, hocherhabener Fürst und Herrscher von Sichtreich, Bezwinger der wilden Völker. Wir bringen schlechte Kunde.“ Starkfaust aber lachte: „Meine Handelrouten mit Karawanen und Luftschiffen gelangen in alle bekannten Städte. Habe ich nicht die wilden Völker der Nordlanden gezähmt? Ist nicht meine Stadt, Abendfels die grösste von Sichtreich? Ist sie nicht schon so gross, dass es schon ganze Stadtteile gibt, von denen wir nichts wissen? So gross, dass es schon unbewohnte Gegenden in der Stadt gibt, da niemand weiss wie man dort hingelangt? Was kann es für eine schlimme Kunde geben, als die meiner Frau, welche mir immer vor Augen steht?“ Die Berater tuschelten und dann sprach einer: „Das Sanddünenmeer an den Stadttoren ist im vergangenen Jahr um fünf Ellen gestiegen. So fragten wir uns, was es zu tun gäbe, damit die Bürger nicht bald im Sand versinken.“ Starkfaust dachte viel über diese Worte nach. Bis er auf eine Idee kam und sprach: „Wenn es möglich ist, Schiffe in der Luft zu fliegen, sollte es auch mit einer Stadt gehen. Die Frage ist nur eine der Konstruktion, doch dieses Fach beherrsche ich.“ Und so machte sich der Erfinder Starkfaust einmal mehr an eine grosse Sache. Und er entwarf einen Plan zur Herstellung der schwebenden Stadt. Und als der Plan fast fertig war, klopften seine Wachen an die Tür des Studierzimmer und sprachen: „Oh Herrscher, der Hauptmann der Wache schickt nach euch, mit der Bitte, ihn dringendst aufzusuchen.“ Sofort liess Starkfaust die Pläne liegen und ging zum Wachturm. Dort empfing ihn der Hauptmann der Wache welcher erzählte, was geschehen war:

Der geflügelte Dieb

Es war aber zu der Zeit, als ihr, oh hocherhabener Fürst, im Kriegszug gegen die Eiferhände wart, da erwischten wir einen Dieb. Es war aber kein gewöhnlicher, sonder vielmehr ein Tiermensch. Er hatte Flügel die breit waren wie der Torbogen zum Speisesaal, und er hatte Krallen wie Messer. Es war, als ich den Rundgang fast zu Ende hatte, und in eure Waffensammlung ging, und siehe, da war dieses Geschöpf an der Wand, wo der Stachel Kriechfüssers, der Dolch Kleinhelds hängt. Und als ich ihn sah, erschrak ich derart ab dem monströsen Erscheinen, dass ich laut schrie. Da drehte er sich um, und blickte mir direkt in die Augen, und ich erkannte seinen Kopf als den eines Raben. Und sogleich er mich sah, spannte er die Flügel aus und entwich durch das Fenster. Da aber rief ich die Wachen, und deine Bogenschützen durchbohrten ihm die Flügel, so dass er abstürzte. Wir nahmen ihm den Dolch ab und sperrten ihn in den Kerker. Da wir aus seinem Munde erfahren wollten, wer ihn geschickt habe, folterten wir ihn. Doch er sprach nicht, auch dann nicht, als er so entstellt war, dass man ihn weder als Mensch, noch als Tier erkennen konnte. Da aber kamt ihr, oh Fürst, von der Schlacht gegen die Eiferhände zurück, und da wir uns schämten, zu Berichten, denn wir hatten in der Folter das Mass verloren, davon zu berichten. Und als wir, euren Schmerz um den Verlust von Glimmerglanz, ihre Schönheit ist göttlich, sahen, dachten wir die Sache für uns zu behalten. Nun aber ist er geflohen, und er hat zehn unserer Luftschiffe entführt. Und deshalb berichte ich dir in Scham davon.

Schattenhand im Palast des Starkfaust

Als der Hauptmann der Wache dies erzählte geriet Starkfaust in Zorn, aber auch in Verwunderung, denn von solch ein Wesen hatte er noch nichts gehört. Und er fragte sich, ob es eine Sphinx hätte sein können, doch da erinnerte er sich daran, dass der Hauptmann von Vogelkopf gesprochen hatte. Doch da erinnerte er sich plötzlich im Schrecken an den Dolch, und rannte durch die Gänge und Balkone, Gärten und Hallen bis er in der Waffensammlung war. Als er dort den Dolch an seiner Stelle sah, beruhigte er sich. Dann machte er einen Schritt darauf zu und betrachtete das Messer. Da sprach ein Stimme zu ihm: „Gib mir den Dolch, Sterblicher.“ Starkfaust schaute sich um, doch der Raum war leer. Doch dann sah er eine unsichtbare Gestalt, eine Form eines schattenartigen Wesens, welches vor ihm stand und die Hände ausstreckte. Und wieder die Worte: „Gib mir den Dolch Sterblicher!“ Doch Starkfaust rief misstrauisch: „Wer bist du Geist?“ Da wurde die Gestalt ganz sichtbar, und vor im stand eine Frau in einem dunklen Umhang, die um ihn herumging und sprach: „Ich bin Schattenhand, Tochter des Wächters Schattenfluch, und du wirst mir den Dolch geben.“ Starkfaust fragte verwundert: „Nicht wie ein Phantom siehst du aus, Einbrecherin, noch werde ich dir meine Schätze überlassen.“ Da lachte die Frau und sogleich verwandelte sie sich vor seinen Augen in einen rieseigen, dunklen Schatten, welcher sich im ganzen Raum ausbreitete und sprach: „Ich bin nicht nur ein Phantom, ich bin auch Meisterin der Tarnung. Ich bin die Göttin der Diebe.“ „Und wieso hast du mir denn den Dolch noch nicht gestohlen?“ fragte Starkfaust verunsichert. „Es liegt ein Fluch darauf, dies aber ist ist so:“ Da erzählte sie ihm die Geschichte:

Schattenhand und Raubfeder

Ich kletterte eines Nachts hoch auf die Gipfel des Steingerippengebirges, um dort aus dem Horst des Federpracht, dem Vogel, ein Ei zu stehlen. Unbemerkt nahm ich eines an mich und verliess das Nest. Als aber der Vogel geschlüpft war, erzog ich ihn und lehrte im das Stehlen. Und es gab nichts was vor seinen Krallen sicher war. Und die Eiferhände nennen ihn Raubfeder, den Dieb der Lüfte. Und er sollte mir den Dolch beschaffen, den ich nicht stehlen konnte, den Stachel Kriechfüssers.

Kriechfüsser und die Kinder Schattenfluchs

Kriechfüsser aber, da er der kleinste war unter den Tieren, und wir Kinder Schattenfluchs hatten Freude auf ihm herum zu trampeln. Da wandte er sich in seiner erbärmlichen Angst an den Allereinzigsten, welcher einen Schutzbann aussprach über ihm. Und so kam es, dass wir ihm kein Leid mehr antun konnten. Als aber unser Vater Schattenfluch, ihm das Gift zeigte, und er sich wehren konnte, so plagte er uns allezeit und wir konnten ihm aber noch immer nichts antun. Da wuchs mein Zorn über ihn und ich plante seinen Stachel zu zerquetschen. Da ich wusste, dass ich den Dolch nicht gewaltsam erhalten konnte, sonder nur als Geschenk, dachte ich mir ich schicke einen Andern, dem ich aber die Kunst des Stehlens beigebracht hatte. So kam es, dass ich Raubfeder schickte. Und den Zeitpunkt war für mich klar, da meine Geschwister Mordgier und Blickeslust dabei waren sich mit deiner Frau in den Kampf zu stürzen. Und ich beobachtete alles und schaute, dass deine besten Männer durch ihre Hand starben, damit du abgelenkt bist, und ausser Haus. Da schickte ich ihn. Und nun wirst du mir den Dolch eben selbst geben, oder ich töte dich.

Als sie dies so ausgesprochen hatte, zog Starkfaust eines der Messer von der Wand und schlug auf den Schatten ein. Doch Schattenhand lachte nur. Und plötzlich verlor Starkfaust die Luft und konnte nicht mehr atmen. Da stürzte er zu Boden und erneut sprach das Phantom: „Gib mir den Dolch als Geschenk, oder ich gebe dich Zwiegestalt, dem Tod als Geschenk.“ Und bevor Starkfaust aber ganz dahinschwand, siehe da, erschien im Zimmer ein anderes Phantom, das leuchtete wie der Mond und vertrieb den Schatten. Starkfaust kam wieder zu Luft. Doch bevor er dem rettenden Phantom danken konnte, war dieses verschwunden. Nun aber kamen die Wachen herein, welche merkwürdige Geräusche gehört hatten, und fanden den Fürsten am Boden. Sie brachten ihn in sein Schlafgemach und schenkten ihm heilende Getränke ein. Starkfaust aber war eine lange Zeit krank.

Die letzte Reise des Starkfaust

Als aber die Berater des Fürsten nicht wussten, was sie für ihn tun könnten, schickten sie ihn mit einem Luftschiff zum Tempel in der Stadt der Fleisshände. Denn dort erhoffte man sich die Hilfe von den Schamanen. Unterwegs fragte sich aber Starkfaust: „Wenn aber diese Schamanen ihre Kraft vom Allereinzigsten haben, sollten wir dann nicht direkt zu jenem heiligen Berg fliegen, auf jenem sich die Fleisshände erzählen, dass er wohne?“ Und so kam es, dass die Luftflotte kehrte und weiter in den Osten flog, dem heiligen Berge entgegen. Doch jeh näher sie dem Berg kamen, je stärker wurden die Winde und es schien der Besatzung, dass in den Wolken die Phantome kämpften. Da wurden aber Nebel und Wolken so dicht, dass sie nichts mehr sehen konnten und gegen einen schwebenden Fels prallten und das Schiff in tausend Teile zerbarst. So stürzten sie hinunter in die Tiefe, und von Starkfaust wurde nicht mehr gesehen seit jenem Tag. Und in der Heimat, in der Stadt Abendfels aber wusste man zu jener Zeit noch nichts vom Unglück des Fürsten und so wagte sich niemand, die Regierung zu übernehmen, da Starkfaust während seiner Herrschaft der einzige war, der sich darauf verstand Entscheidungen zu treffen.

Gottwerk wird zum Erben Starkfausts

Starkfaust aber hatte einen Sohn, Gottwerk. Als dieser eines Nacht im Bette lag, da erschien ihm der Geist seiner Vaters und sprach: „Sohn, wisse, ich bin verunglückt und wandle nicht mehr unter den Lebenden. Nun sollst aber du mein Werk vollenden und Fürst werden. Baue du die schwebende Stadt fertig und nenne sie nach dem Namen deines Vaters. Sie soll Stadt Starkfaust heissen.“ Gottwerk aber war sehr erschrocken als er dies hörte und sprach: „In der Zeit, aber in der du auf Reisen warst, lieber Vater, siehe da kam der geflügelte Dieb Raubfeder und stahl die Pläne.“ Da entbrannte der Zorn im Geiste des Verstorbenen und er heckte im Reich der Toten einen Plan aus, um sich zu Rächen. Gottwerk aber wurde zum Herrscher über Sichtreich. Und auch er wurde ein mächtiger wie sein Vater. Aber er war weniger an Krieg sondern mehr an den Göttern interessiert. Denn er erkannte, dass die Völker sich nach Göttern sehnten, welche ihr Leben bestimmten und beschützten. Doch Gedankenfels war immer unterwegs, und Reinherz nicht aufzufinden. Nur Maskentanz trieb sich immer noch in den Städten herum, doch ihm konnte man nicht trauen in diesen Tagen, denn Sternenglanz zeigte Maskentanzs Sternbild in diesen Tagen genau an der Stelle des Sterns Schattenfluchs. Da entschied Gottwerk Gedankenfels und Reinherz Kinder zu erschaffen.

Liebreiz und Sturweg

Aus Freierz und Schönerz erschufen Gottwerks Handwerker Liebreiz. Sie aber weckte in den Völkern die Leidenschaft und das Gefühl, wem sie auch begegnete, den schien sie zu verzaubern und zu inspireren. Doch sie war Freiheitsliebend und liess sich nicht beherrschen. Und viele waren traurig, denn so schnell sie auftauchte, so verschwand sie auch wieder.

Aus Klugerz und Machterz geschmiedet wurde Sturweg, und er wurde der Sohn des Gedankenfels genannt, denn sein Verstand war scharf und planend. Was er auch anpackte, gelang ihm, doch dabei war er hart und stur. Und niemals liess er sich von seinem Weg ablenken. Doch so oft setzte er alles in seiner Umgebung unter Druck. Er war der unstoppbare Fortschritt. Doch lieb und leblos.

Gottwerk leitete ihre Hochzeit in Gange. Doch Liebreiz und Sturweg weigerten sich beide. Sie wollte ihre Freiheit nicht aufs Spiel setzen und Er war nicht bereit, sich ablenken zu lassen. So stritten sie sich immerzu, wie es schon ihre Eltern Gedankenfels und Reinherz getan hatten, doch auch sie mussten verstehen, dass sie erst in Ergänzung mit dem Anderen komplett waren, denn ihr Innerstes sehnte sich nach dem Andern.

Doch als Fürst Gottwerk mit dem Bau der Tempelanlagen beschäftigt war, da kamen die Kriegshäuptlinge zu ihm und sprachen: „Höre oh, Herrscher der Wüsten, Steppen und Täler, unsere Botschaft. Denn während du dich mit Göttern abgibst, kommen die Diebe in Scharen in unser Land und nehmen uns unser Reichtum, und dadurch unsere Macht. Raubfeder aber ist ihr Anführer. Und er hat ihnen eine Stadt in den Wolken gebaut.“ Da erzählten sie ihm, was geschehen war:

Raubfeder der Verfluchte

Raubfeder aber, der Sohn des Federpracht hatte in seinem Zorn über seine Gefangenschaft und Folterung unter der Herrschaft deines Vaters, Rache geschworen. Und da stahl er die Pläne der schwebenden Stadt um sich einen Stützpunkt zu schaffen, der niemand erreichen konnte, denn der Ort sollte immer ändern, und nur die Eingeweihten sollten wissen, wie man sie Stadt findet. Doch da erkannte Raubfeder, dass zum Bau dieses Konstrukts erforderlich war, mancher Sohn des Loderglut, des Feuers, gefangen zu nehmen, und viele seiner Männer starben bei der Jagd auf die Elemente und verbrannten. Siehe da erschien dem Meisterdieb der Geist deines Vaters, des grossen Starkfausts und sprach: „Siehe viele von ihnen habe ich gefangen, und viele würde ich fangen, wäre ich nicht Tod, durch die Hand deiner Erzieherin. Doch schnell als ich in der Stadt der Toten angekommen bin, habe ich viele Macht darüber erhalten und ich verstehe es, mit den Totengeistern zu handeln. So schlage ich dir einen Tausch vor. Ich arbeite im Tod für dich, und du im Tod für mich. Wenn ich dir die Elementare besorge, so sollst du und was dir ist, mir dienen auf ewig.“ Und so wurde die schwebende Stadt erbaut. Und die Diebesbande des Raubfeder wurde zu einer Horde von Verfluchten, welche nach ihrem Sterben als Untote die Himmel weiterhin durchziehen und alles unten auf der Erde plündern sollten.

Als Gottwerk, der Sohn des Starkfaust dies gehört hatte, wurde er nachdenklich. Dann sprach er aber: „Haben uns denn die Himmel verlassen? Suchet nach den Göttern, sie mögen uns beistehen. Nun aber wegen der Sache der Stadt und des steigenden Sanddünenmeeres: So lasst uns Häuser bauen mit mehreren Stockwerken, und lasst die Wohnungen zu Kellern werden, und darüber neue Lebensräume schaffen.“ Und so wuchs die Stadt in die Höhe, und unter ihr, die Katakomben in die Tiefe. Und die Vertriebenen wohnten unter dem Tageslicht. Und die Reichen über ihnen, bis zum heutigen Tag.

Die Doppelgänger

Die Starkfäuste bauten ihre Türme hoch zum Himmel hin, um der Wüste zu entfliehen. Denn Zeitenwends Sand stieg stetig an den Mauern empor. Und die Keller und Katakomben versanken hinunter in die Tiefe. Wo die Sonne nicht hin gelangen kann, und sich die Schatten der Vergangenheit bildeten. Einige der Wesen, welche dort entstanden waren die Doppelgänger. Denn es kam die Zeit, als der Mensch nur noch als das galt, was er als Leistung erbrachte. Nur jene konnten sich ein Haus in den höheren Stockwerken leisten, welche hart arbeiteten. Wer nicht leisten konnte, musst in den Tiefen wohnen. So kam es aber, dass sich die Doppelgänger, welche zu beginn nur Schatten waren, sich an Menschen zu hängen. Erst übernahmen sie das Wesen und dann den Körper, bis sie dann den Menschen abtöten und selbst als identische Kopie von ihm lebten. Doch niemand spürte den Wechsel. Und so kam es, dass eine Angst umging, nicht sich selbst, sondern nur ein Doppelgänger zu sein. Da auch die Gedanken identisch waren. Auch allerlei andere Wesen entstanden zu jener Zeit, aber von ihnen möchte ich nicht erzählen, da ich Angst habe, sie so zu erschaffen.

Goldwage und Sturweg

Doch die Welt der Menschen zerbrach nicht in der Dunkelheit, sondern am hellen Tag. Denn nicht Schattenfluch raffte sie alle hin, sondern ihre eigenen Götter. Das Ende begann aber in den Tagen, an denen die Starkfäuste herrschten. Und die Götter waren zahlreich auf der Erde. Gedankenfels aber war alt geworden und zog sich von den Menschen zurück. Und nur die Weisen vermochten seine Verstecke zu finden, und wenn sie dort waren, wollten sie nicht mehr zurück, in die Städte und sich mit nichtigen Dingen abgeben. Und die Menschen von Abendfels kannten ihn nur noch von den Erzählungen der Weisen, aber seinen Sohn Sturweg kannten sie gut. Denn dieser hatte seit der Zeit Gottwerks den Abendfels fest im Griff. Er verstand es, die Menschen zu führen, dass sie ihre Ziele erreichen könnten. Und es war eine Grosse Armee in der Hand des Fürsten, und Sturweg trainierte sie im Kampf. Kriege aber gab es viele zu jener Zeit, und Krieg würde es immer geben. Als Glimmerglanz war sie geboren, aber zur Göttin gemacht, war der Krieg unsterblich geworden. So wurden die Starkfäuste unterdrückt von den Göttern, welche sie erschaffen hatten.Dann aber kam Goldwage der Gerechte. Er stellte sich vor als Sohn Maskentanz und sprach: „Was bringt uns die Macht der Reichen und Starken? Müssen nicht wir fühlen, was uns zusteht? Gibt es denn keinen Lohn für unsere Arbeit?“ Und er kletterte hinauf auf den Turm Sturwegs und sprach: „Wir wissen beide, dass der Fürst der Starkfäuste nicht das Sagen hat. Auch ist dein Vater Gedankenfels weg von der Macht. Sie steht nur dir zu. Doch wisse, du wirst die verlieren, wenn du nicht etwas änderst. Denn nicht alle haben einen einsernen Willen wie du, sie brauchen einen Grund sich für unsere Sache einzusetzen.“ Sturweg aber sprach: „Ist denn das Überleben nicht Belohnung genug? Ich zeige ihnen, wie sie ihr Land verteidigen, wie sie stark sind.“ Goldwage aber entgegnete: „Was die Menschen brauchen, ist der Segen des Maskentanz, sie brauchen etwas, was sie von Schattenfluch und Glimmerkampf ablenkt. Und ich werde dafür schauen, dass sie ihn erhalten.“ Und so einigeten sie sich, die Macht zu teilen. Sturweg aber herrschte über das Militär und Goldwage übernahm den Handel der Stadt, so wie er es bei Dämmerfunke getan hatte. Und so wurde Abendfels noch mächtiger als zuvor. Und die Tiefen der Stadt füllten sich mit Fabriken. Und die Leuchtreklamen priesen die Neuen Waren an. Goldwage brachte Wohlstand und Luxus. Und die Starkfäuste atmeten auf, da Farbe in ihr Leben kam. Die Reichen wurden aber noch reicher und trieben den Wachstum der Stadt voran, und die Armen fanden Möglichkeit zur Arbeit und erhofften sich so, auch Teil zu haben an den schönen Dingen, welche Goldwage aus den Kolonien bringen liess. Und Sturweg vergrösserte mit jedem Tag das Gebiet.

Und die Menschen verehrten Goldwage und nannten ihn: den Gerechten. Doch schon bald merkten einige, dass etwas nicht stimmte, denn die Wage war nicht im Gleichgewicht. Und so erzählte man sich von der Entstehung des Goldwage, dass er auch wie Raubfeder von Schattenhand aufezogen wurde, die Geschichte seiner Herkunft aber ist folgende:

Goldwage, Sohn von Maskentanz und Blickeslust

Es war aber in jener Zeit, in der sich Liebestraum einer Frau suchte. Blickeslust sagte sich : „Bin ich nicht die Schönste unter den Phantomen? Habe ich nicht die volle Schönheit meines Vaters Lichterpracht in mir?“ Und so zog sie hinauf in die Welt Traumgesichts und begegnete dort Liebestraum. Doch dieser wollte nichts von ihr wissen, denn sein Hunger nach Schönheit war gross und selbst Blickeslust mit all ihren Verführungen konnte ihn nicht beeindrucken. Dann aber sah sie. Wie er sich mit Goldblüte traf und sie wurde eifersüchtig. So kam es, dass sie zu Maskentanz kam uns sprach: „Maskentanz, Wesen der Mehrdeutigkeit. Gib mir eine deiner Masken.“ Maskentanz aber fragte: „Welche soll es denn sein?“ Sie aber verlangte nach den Augen der Goldblüte und ihrem Glanz. Als Maskentanz zögerte, verzauberte ihn Blickeslust, so dass er sich in sie verliebte, und alles für sie tat. So zog Blickeslust mit der Maske, welche die Augen Goldblütes trugen los, um Liebestraum zu erobern. Da aber wollte Maskentanz Blickeslust für sich haben, da er unter ihrem Zauber stand, und so suchte er sie.
Es kam aber so, als er sie fand und sie liebte, da erkannte er am nächsten Morgen, dass es nicht Blickeslust war, sondern nur eine Hure, und er war entsetzt und sprach: „Wie kommt es, dass du meine Maske trägst? Habe ich sie nicht Blickeslust gegeben?“ Da erzählte aber die Hure was geschehen war:

Blickeslust und Liebestraum

Es war aber so, dass Blickeslust mit einer Maske zu Liebestraum kam um ihn zu verführen. Doch Liebestraum erkannte ihr wahres Gesicht und schickte sie fort. Blickeslust aber wurde wütend. Und da sie eifersüchtig war aus Goldblüte, so verschenkte sie ihre Maske unter den Huren in der Stadt und sprach: „So geht hin und verführet die Männer, denn wenn sie nur Schönheit wollen, so sind sie leicht zu blenden.“ Wir aber nahmen die Masken dankend an und siehe, wir hatten viele Kunden, und unser Geschäft wuchs, und so wurde Blickeslust zu unserer Göttin.
Als Maskentanz dies hörte wurde er verbittert und sprach:" So habe ich mir nun selbst einen Streich gespielt. Und meine Kunst wurde mir zum Übel." Maskentanz aber sehnte sich immer noch nach Blickeslust, und obwohl er den Zauber erkannte, jagte er ihr nach, wie die Weissaugen dem Bittererz. Und so zog er die Maske mit dem Gesicht des Liebestraum an, und verführte Blickeslust, welche die Maske mit den Augen Goldblütes trug. Sie aber dachte, es sei Liebestraum und als sie ihm ein Kind gebar hatte sie Angst, er würde daran erkennen, dass sie nicht Goldblüte sei und so brachte sie es ihrer Schwester Schattenhand. Schattenhand sollte es verstecken, damit die Wahrheit der Liebesnacht nie ans Tageslicht kommen sollte. Und das Kind hiess Goldwage. Und die Zucht Schattenhands machte ihn zum Ungerechten.

Goldwage und Machterz

Goldwage aber unternahm alles, um seine Beliebheit wieder herzustellen und er ging hinaus zu Gedankenfels und sprach: „Onkel Gedankenfels, siehe nun stehe ich an der Stelle, wo du einst warst, denn die Menschen lieben mich nicht für mein Wesen, sondern nur für meinen Nutzen.“ Da sprach Gedankenfels: „Auch ich wurde ausgebeutet von den Menschen. Oft war ich unterdrückt oder in Gefangenschaft. Meine Priester werden in einigen Ländern gejagt und eingeperrt. Denn die Menschen verstanden nicht die Kraft der Vernunft. Nur der Nutzen ist ihnen wichtig.“ Da fragte ihn Goldwage, was denn Gedankenfelss grösste Tat in den Augen der Menschen war, und da sagte dieser ihm, dass es die Macht wäre, zu fliegen, den dies sei nur den Geistern und Phantomen vorbehalten. Doch durch die Ausbeutung der Söhne Wandelerds und Lodergluts sei den Menschn alles möglich. Da fragte Goldwage: „Wer aber ist der Mächtigste unter den Söhnen Der Elemente? Denn die Menschen brauchen mehr Energie, damit ihre Lichter in den Städten nicht erlöschen.“ Da sagte ihm Gedankenfels: „Es ist aber Machterz, Sohn des Wandelerd, gefunden durch Drohspruch.“

Goldwage sprach also zum Herrscher der Starkfäuste und schlug ihnen vor, Machterz zu suchen, damit der Strom in den Städten nicht ausging. Der Fürst willigt ein und sannte einen Trupp los um ihn zu suchen. Sie aber kletterten hinunter in den Ruinen von Sonnenfels dorthin wo einst das Dorf der Löwenhaar war. Sie kletterten hinunter in den Brunnen wo Machterz den Sohn Wandelerds fand.Sie gingen dem Augetrockneten Gang entlang und kletterten hinunter in die Tiefe, denn Machterz zog sich seit den Tagen der Starkfäsute zurück, da keiner nach ihm verlangte. Doch dann, nach einigen Tagen in den Höhlen fanden sie ihn. Er aber war zusammen mit seiner Frau Freierz verbunden im Fels, und als sie ihn in Ketten abführten, sie da riss es Freierz mit. Doch sie sahen, dass Freierz in Ketten gelegt zu verbröckeln drohte, und dass Machterz bei diesem Anblick in Zorn geriet. Und so züngelten Blaue blitze aus seinen Augen. Was aber die Blitze berührte, verbrannte. Da erkannten die Starkfäuste, dass diese Energie zu benutzen wäre. So kam es, dass am Fusse von Abendfels zwei Türme aufbauten. Und als in einem davon Freierz langsam in Stücke viel, entbrannte im andern Machterz, der in Wut und Trauer brannte. Die Energie aber wurde in Schläuchen und Röhren in die Stadt geleitet. So hatten die Starkfäuste keinen Strommangel mehr. Und Goldwage war wieder beliebt geworden, und die Reichen nahen ihn in Schutz.

Als aber die Söhne Wandelerds im Innern davon erfuhren, rasten sie vor Zorn und rissen sich los von ihren Ketten, welche sie beim Fall des Schattenfluchs bekommen hatten. Und die Erde erbebte. Und sie erzitterte so stark, dass einen Riss in den Türmen gab und Machterz hinaustrat und den Turm seiner Geliebten einschlug. Als er dort Freierz zerstört vorfand, entbrannte sein unglaublicher Zorn. Und er trat hinaus und zerstörte die Häuser der Arbeiter und aus seinen Augen kamen Wolken von Gift, welche die Erde erfüllte. Und viele Menschen starben. Einige sofort und andere langsam und qualvoll am Gift. Seit jenem Tag trägt man in jenem Gebiet um die zerstörten Türmen Gasmasken. Denn die Kinder beider Elemente schleichen noch heute umher und töten alles, was lebt.

Das Ende

Der Allereinzigste aber wusste an dem Tag, an dem er Schattenfluch verbannte, dass dieser das sichtreich zu Boden wirtschaften würde. Die Menschen, welche damals am Fusse des heiligen Bergs lebten hatten immer noch die Bestimmung der Herrschaft über die Erde in sich, und Schattenfluch wusste dies auszunützen. Denn er ist nicht Schuld am Ende der Welt, sondern nur der Befürworter. Denn die Schuld tragen die Menschen in sich, bereits seit dem Tag des Verrats gegen den Allereinzigsten. Am Ende aber waren alle Städte zerstört, und die Götter, welche nicht getötet wurden verliessen die Welt oder versteckten sich im Innern des Wandelerd und so blieben die Menschen zurück, wie an dem Tag als sie vom heiligen Berg verbannt wurden. Und es war Dämmerfunke, welcher vom Geist Goldwages getrieben die Stämme zusammenrief und der erste starke Stamm im Sichtreich wurde. Und er trieb Handel mit den anderen Stämmen. Und sie bauten aus den Trümmern des Abendfelses ihre Hütten. Bis zu jenem Tag, an dem sein Sohn, Dämmerlicht die erste Stadt der Menschen bauen liess, die Stadt Dämmerfels. Und die Macht wurde darin gross. Und eines Tages wurde in dieser Stadt der erste Gott erschaffen, denn die Menschen streckten sich zu den Himmeln auf und fanden keine Hilfe, und sie konnten sich nicht an das Gesicht ihres Schöpfers erinnern.

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